Geschichte immer im Blick: der Marathon in Krakau

„Ihr müsst etwas von Euch verlangen, auch wenn andere das nicht tun.“ Das Zitat steht auf dem Finishershirt des 13. Krakau-Marathons und stammt von keinem Geringeren als Johannes Paul II. Ein Ausspruch des Papstes auf dem Laufshirt, das gibt es vermutlich nur in Polen. Aber er passt genau, und außerdem verdanke ich es überhaupt nur dem Papst, dass ich am Start dieses wunderschönen Marathons stehe. Denn der findet in Krakau normalerweise am letzten Wochenende im April statt. Da war aber die Heiligsprechung von Johannes Paul II., und der Marathon wurde auf dieses Wochenende im Mai verschoben – ausgerechnet einen Tag vor einer Konferenz in der alten Königsstadt, an der ich mitwirke. Was lag da näher, als schon zum Marathon anzureisen?

Und es hat sich gelohnt. Der Lauf ist super organisiert, weder bei der Startnummernausgabe noch am Start selbst herrscht schlimmes Gedränge oder gar Chaos, überall sind freundliche Helfer. Die Stimmung auf der Strecke ist gut, auch gibt es an mehreren Stellen organisierte Fanzonen – die im Polnischen witzigerweise „Strefy dopingu“ heißen – mit Gospelchor oder auch einem Mädchenchor, dessen junge Sängerinnen als Prinzessinnen verkleidet sind.

Die Strecke ist für einen Stadtmarathon recht anspruchsvoll, es gibt enge Kurven, in denen die Richtung gewechselt wird und auch mal Kopfsteinpflaster. Die Runde muss zweimal durchlaufen werden, da aufgrund verschiedener Baustellen Streckenänderungen vorgenommen werden mussten und der Kurs in diesem Jahr kaum aus dem Zentrum hinaus führt. Dafür das Riesenplus: Start und Ziel auf dem Rynek, dem historischen Marktplatz mit den Sukiennice, den wunderschönen Markthallen, und der Marienkirche. Hier hören wir am Start keine laute Musik, sondern pünktlich um neun, ganz kurz vor dem Startschuss, öffnet sich ein Fenster in einem der beiden Türme der Marienkirche, und der „Hejnal“ ertönt. Das ist eine Trompetenmelodie, die abrupt abbricht, da der Legende nach der Trompeter bei einem Angriff der Tartaren im 13. Jahrhundert von einem Pfeil getroffen wurde. Er hatte es aber gerade noch geschafft, die Stadtbewohner zu wecken, die den Angriff dadurch abwehren konnten.

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Das passt zum diesjährigen Motto des Marathons: „Mit Geschichte im Hintergrund“. Mehrfach laufen wir auch mit dem Wawel, dem alten Königsschloss, im Blick, und an diversen anderen historischen Orten vorbei ist das Ziel am Ende ja auch wieder mitten in der Altstadt. Die Medaille ziert ein Drache, ein Wahrzeichen der Stadt, das am Fuße des Wawel an der Weichsel steht und auch in einer Legende gründet. Egal, wie geschichtsträchtig, 42 Kilometer sind anstrengend. Doch der letzte Kilometer durch die wunderschöne Ulica Grodzka zurück zum Rynek und der dortige Zieleinlauf lassen das schnell vergessen.

Für mich war dieser Marathon insofern eine ganz neue Erfahrung, als ich die gesamte Strecke mit meinem Freund zusammen gelaufen bin, zum ersten Mal habe ich jemanden bei seinem Marathondebüt begleitet. Wir waren etwas langsamer unterwegs, das war aber für mich auch gut und richtig, es war schließlich bereits der dritte Marathon in diesem Jahr. Als es gegen Ende immer schwerer wurde, da der Magen meines Freundes zu zicken begann und das Weiterlaufen zur Qual machte, konzentrierte ich mich ganz darauf, nach Gehpausen immer wieder motivierende Worte zu finden. Das lässt die eigenen schweren Beine vollständig vergessen, es geht plötzlich nur noch um den anderen. Und am Ende hatten wir einen tollen Zieleinlauf bei 4 Stunden und 21 Minuten, und mein Freund darf nun das Finishershirt mit dem Ausspruch des polnischen Papstes sehr zur Recht tragen: Wir haben etwas von uns verlangt. Und zur Belohnung eine Medaille mit einem legendenumwobenen Drachen bekommen.

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Wer noch nie in Krakau war, sollte ohnehin unbedingt mal herkommen. Und wenn es dann auch noch passt, diesen tollen Marathon als Sightseeing-Run in das Programm zu integrieren, umso besser – es lohnt sich! Die Geschichte immer im Blick.

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