Hinfallen und aufstehen: DNF beim Trans Alpine Run 2014

Alles lief gut in 2014. Es war ein wunderbares Laufjahr, ich hatte unglaublich tolle und intensive Lauferlebnisse, habe manchmal gekämpft und gelitten, aber zumeist – einfach nur genossen. Draußen sein, durch Wind und Wetter rennen, mich spüren: Laufen macht mich so unsagbar glücklich. Wer diesen Blog in den letzten Monaten verfolgt hat, weiß das.

Alle langen Läufe und auch die vielen Wettkämpfe standen immer auch unter dem Vorzeichen des absoluten Höhepunkts, des großen Events, auf das ich mich mit all dem Training, den unendlich vielen Laufkilometern vorbereiten wollte: Am 30. August begann der Trans Alpine Run. Knapp 300 Kilometer in acht Etappen von Ruhpolding nach Sexten, einmal über die Alpen, knapp 14.000 Höhenmeter inklusive.

Ich war aufgeregt, ich war nervös, ich war voller Vorfreude. Und zugleich war der Wurm drin, von Anfang an. Knapp drei Wochen vor dem großen Event musste ich zum Augenarzt, hatte einen Riss in der Hornhaut. Eine Woche später bin ich in den Lecher Bergen gestürzt und habe mir offenbar etwas an der Rippe, am Zwerchfell, wo auch immer gezerrt, jedenfalls konnte ich knapp zwei Wochen lang nicht laufen, weil es weh tat, sobald ich schneller geatmet habe. Richtig, zwei Wochen bin ich nicht gelaufen, mein erster Lauf war dann die erste Etappe des TAR von Ruhpolding nach St. Johann.

Ich war also noch viel nervöser. Würde mein Auge die Kontaktlinse vertragen? Würde es beim Atmen wieder weh tun, zumal bei den Anstiegen? Ohnehin hatte ich großen Respekt vor den beiden ersten Etappen, die mit jeweils knapp unter 50 Kilometern zwei Ultras hintereinander mit ordentlich Höhenmetern bedeuteten.

Der Wurm blieb drin. Ich war nicht so fit, wie ich es mir erhofft hatte, war damit viel zu langsam für meinen Partner, oder er zu schnell für mich. Daher lief ich die meiste Zeit allein statt im Zweierteam. Und immer tat etwas weh, das kenne ich überhaupt nicht von mir. Am zweiten Tag begann das Knie, seit der dritten Etappe schmerzten die Fußgelenke bei jedem Schritt, und sie schwollen derart an, dass ich mich mitunter wie eine kleine Elefantenkuh gefühlt habe, wenn ich an meinen Beinen hinuntergeschaut habe.

Also, nichts stimmte. Und zugleich – war es der Wahnsinn. Noch nie habe ich eine derartige Stimmung unter den Läufern erlebt. Zumindest bei uns im hinteren Drittel war die Stimmung wirklich einzigartig. Da wurde gemeinsam gelitten und geflucht, aber auch unglaublich viel gelacht, gesungen und sich gegenseitig aufgemuntert. Das war gigantisch und das hat Spaß gemacht. Die Bedingungen waren hart in diesem Jahr, die ersten Tage sind wir durch permanenten Regen gelaufen. Dass wir in den Bergen waren, habe ich an den Höhenmetern gemerkt, nicht etwa daran, dass ich die Berge gesehen hätte. Da war Nebel und Regen statt Landschaft. Permanent im Schlamm versunken, Downhills im rutschigen Schlamm auf dem Hintern hinuntergerutscht… Umso wichtiger war die tolle Stimmung. Wie unendlich dankbar ich den anderen Läuferinnen und Läufern für die vielen wunderbaren Momente unterwegs bin! Ihr seid der Hammer!

transalp2014

Der Wurm blieb aber derart drin, dass ich in der Mitte der sechsten Etappe, als ich schon wirklich weit gekommen war, verletzt ausschied. Zu den Schmerzen, die quasi immer da waren, kam bei einem Downhill ein Stich im Oberschenkel. Es tat weh, ich bin noch einen Weile langsam weiter getrabt, dann ging das nicht mehr. Ich bin gegangen, habe wieder und wieder versucht zu laufen, bin heulend irgendwo vor Bruneck durch die Gegend gehumpelt. Ein Helfer aus dem grandiosen Organisationsteam hat mich an einer Kreuzung in sein Auto gesetzt und die Medical Crew gerufen. Etwas später saß ich im Auto und wurde in den Zielort gebracht.

Aus, Schluss, so einfach war das. Vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so fertig war. Das war eigentlich schon absurd und steht in keinem Verhältnis zu dem, was da passiert ist. Mein erstes Did Not Finish, so what? Ich habe geheult und geheult und geheult. Vermutlich kam die ganze Anspannung mit raus, die Enttäuschung war groß, außerdem tat alles weh. War ich gescheitert? Mich hat die Frage gequält, ob ich nicht vorschnell aufgegeben habe.

Nein, das habe ich nicht. Ich habe immer sehr überzeugt vertreten, dass ich nicht an einem Wettkampf teilnehme, wenn ich das nur unter Schmerzmitteln tun kann. Wenn mein Körper mir sagt, er kann nicht, dann muss ich das akzeptieren. Und beim TAR? Ständig habe ich Ibuprofen genommen. Immer mit dem Argument, dass das ja ein besonderes Rennen ist, dem ich so entgegen gefiebert habe usw. Außerdem hatte ich mich seit einem Jahr wie verrückt auf die letzten beiden Etappen in den Dolomiten gefreut.

Aber sind das Gründe genug, sich völlig fertig zu machen? Nur noch unter Schmerzen die Bergen hinunterzulaufen? Durch die Gegend zu humpeln? Kann es das wirklich sein? Hätte ich mich vielleicht derart fertig gemacht, wenn ich weitergemacht hätte, dass ich jetzt wochenlang hätte pausieren müssen? Im Grunde sind die Fragen ohnehin hypothetisch, das Mitglied der Medical Crew war angesichts meiner Frage, ob ich versuchen könne, weiterzulaufen, sehr deutlich und ich fand mich wirklich schnell in seinem Auto wieder…

Am letzten Tag stand ich stundenlang am Ziel und habe jeden einzelnen Finisher bejubelt. Ich habe mich gefreut für die Läuferinnen und Läufer, die so glücklich ins Ziel gekommen sind. All die tollen Menschen, mit denen ich einige Tage in den Bergen unterwegs sein durfte. Auch Andi, mein Teampartner, lief strahlend ins Ziel, ich habe mich für ihn gefreut. Ich war zugleich traurig, auch ich hatte davon geträumt, in Sexten Finisherin des TAR 2014 zu werden.

Andreas Butz, Lauftrainer und Buchautor (www.laufcampus.com ), meinte neulich zu mir über dieses DNF: „Hinfallen, aufstehen, schütteln, größer werden!“ Wahrscheinlich ist das der Punkt. Ich schüttele mich gerade noch, aber aufgestanden bin ich schon. Das Läuferinnenleben geht doch ganz wunderbar weiter. Gestern bin ich die erste kleine Runde an der Isar nach dem TAR gelaufen, und siehe da, es hat SPASS gemacht und zwar sehr großen! Ich schmiede tolle neue Pläne, gerade habe ich mich für meinen ersten 100-Kilometer-Lauf angemeldet, im nächsten Mai geht es mit Sarah, meiner Lauffreundin vom TAR (mit der ich gelitten und gelacht habe, DANKE), nach Menorca zum Trail Menorca Costa Nord. Oh, wie ich mich freue!

Ganz sicher werde ich es noch mal versuchen, den Trans Alpine Run von der ersten bis zur letzten Etappe einschließlich zu laufen. Und dann habe ich aus meinen Erfahrungen in diesem Jahr gelernt – sicherlich werde ich manches an meiner Vorbereitung ändern.

Heute hat mich außerdem noch die wunderbare Nachricht erreicht, dass ich bei der Wahl zum Hobbyläufer des Jahres in die Runde der letzten Drei gekommen bin. Nun werde ich in der nächsten  Ausgabe der „aktiv Laufen“ und auf www.laufen.de vorgestellt und im November werde ich auf einer großen Gala erfahren, ob ich es vielleicht sogar schaffe, Hobbyläuferin des Jahres zu werden. Wie aufregend!

Ist das Läuferinnenleben nicht wunderbar, auch wenn es manchmal weh tut?

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