„Die Natur gibt uns so viel Kraft zurück“ – ein Abend mit Gerlinde Kaltenbrunner

Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner war zu Gast in München und hat auf Einladung von Keller Sports in einer kleinen Runde über die Berge als ihre „Lehrmeister“ vorgetragen – und beeindruckt. Die meisten gingen an dem Abend wohl mit dem Gefühl nach Hause, für ihre Ziele, egal wie klein sie neben den Leistungen der Ausnahmesportlerin erscheinen mögen, einiges mitgenommen zu haben.

2016 wurde die sympathische Österreicherin auf der ISPO als „Sportpersönlichkeit des Jahres“ geehrt. Als erste Frau hat sie alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen, sie zeichnet sich zudem durch ihr großes soziales Engagement für Nepal aus. In München berichtet sie von ihrem Weg zum Bergsteigen, darüber, wie sie bereits in ihrer Kindheit immer am Berg war. Und dann wieder und wieder, bis sie tatsächlich davon leben konnte.

Ihre vier wesentlichen Erfolgsfaktoren? Planung, Training, Ernährung und Regeneration. Gerade bei Freizeitsportlern, die neben dem Beruf trainieren, kommt letzteres oft zu kurz, wir kennen das vermutlich alle. Sie empfiehlt, lieber mal eine Viertelstunde kürzer zu trainieren und damit Zeit für die oft unterschätzte Regeneration einzusparen.

Wem ihr Leben aus der Ferne als reine Erfolgsgeschichte vorkommen mag – sie ist oft umgekehrt, auch kurz vor dem Ziel. Einmal, bei dem Versuch, den Lhotse zu besteigen, sogar 100 Höhenmeter vor dem Gipfel. „Das Ziel habe ich dabei aber nie aus den Augen verloren.“ Sie habe gelernt, loszulassen, wenn sie merkt, dass der Abstieg zu schwer würde. Sicherheit gehe immer vor. Die erste wichtige Lektion, die sie gelernt hat und die von zentraler Bedeutung da oben am Berg ist: ganz achtsam in den Körper hineinzuhören, keine Warnsignale übersehen.

In der Höhe ist es existenziell, den Fokus immer auf den Moment zu legen, denn jede Unaufmerksamkeit, jeder Fehler kann fatale Auswirkungen haben. Große überschwängliche Freude und die absolute Tragödie liegen beim extremen Bergsteigen häufig sehr nah beieinander. Bei ihrem sechsten Versuch, den K 2 zu besteigen, ist ein guter Freund abgestürzt. Danach hat sie lange gebraucht, „anzunehmen, dass ein Restrisiko bleibt“, bei aller Vorsicht.

Und doch geht sie wieder an den K 2, diesmal von der chinesischen Seite. Fesselnd beschreibt sie mit unglaublich eindrucksvollen Bildern und auch kurzen Filmen die am Ende erfolgreiche Expedition. Es ist auch eine Geschichte von Freundschaft und Vertrauen, die sie da erzählt. Sechs Bergsteiger aus sechs Nationen, die einander gut kennen, die genau wissen, wie die anderen in Krisensituationen ticken, sind hier gemeinsam unterwegs, vereint in dem einen großen Ziel. Kaltenbrunner stellt sie einzeln vor, betont, wie sehr es hier um eine Teamleistung geht.

Was Gerlinde Kaltenbrunner und die anderen Bergsteiger hier geleistet haben, ist groß, so viel größer als alles, was ich jemals gemacht habe und vermutlich auch größer als alles, was die anderen Zuhörer jemals gemacht haben. Aber darum geht es überhaupt nicht und vieles von dem, was sie an dem Abend schildert, kennen wir auch, wir, die wir den Sport draußen in der Natur, die wir Landschaften und Berge, die wir Herausforderungen lieben.

Sie beschreibt einen ungeheuer anstrengenden, Kräfte zehrenden Aufstieg, an dem am Ende ein Sonnenuntergang ganz weit oben am Berg steht: „Die Natur gibt uns so viel Kraft zurück, ich weiß in solchen Momenten immer wieder ganz genau, warum ich das mache.“

Kaum fassbar erscheint ihre Kraft, wenn sie schildert, wie sie auf 7000 Metern einschneien, im viel zu engen Biwak zusammengekauert sitzen, nicht wissen, ob und wie und wann es weitergeht: In solchen Situationen gelte es, sich nicht herunterziehen zu lassen, sich emotional aus der Situation herauszunehmen. Ruhe bewahren, da alles andere zu viel Kraft kosten würde. Klar ist, und das gilt für uns Outdoor-Sportler allgemein: „Die Natur gibt die Rahmenbedingungen vor, in denen wir uns bewegen müssen.“

Ihr Bericht von dieser für sie so wichtigen Expedition ist unglaublich spannend, obwohl wir alle wissen, dass sie es geschafft hat. Als sie endlich, viel später als geplant und nach großen Unsicherheiten, ob sie abbrechen müssen, am Gipfel ankommen, ist absolute Ruhe. Lange sagt niemand etwas. So berichtet es Gerlinde Kaltenbrunner und auch im Raum von Keller Sports ist es still. Einige schlucken, mir kommen die Tränen.

Am Ende wendet sich die starke Frau, die uns an einem kurzen Abend schon so viel mitgegeben hat, an uns und unsere Projekte und Ideen: „ Ich wünsche euch für eure eigenen 8000er alles Gute. Hört in euch hinein und trefft aus der Stille heraus die richtige Entscheidung.“

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