Wunderbarer Reschenseelauf: Endlich wieder ein Wettkampf

Tolle Szenerie, ein den Corona-Umständen entsprechend phantastisch organisierter Lauf, ich durfte mit Startnummer von einem Start- zu einem Zielbogen laufen. Der Reschenseelauf war ganz wunderbar!

Zuletzt standen für mich zahlreiche virtuelle Wettkämpfe auf dem Programm, ich bin „in“ Regensburg und Hamburg, in Roth und sogar in Rumänien gelaufen. Aber eben nur virtuell. Tatsächlich war ich immer an der Isar unterwegs, habe danach die aufgezeichnete Strecke hochgeladen und tauchte dann in fernen Ergebnislisten auf. Manchmal gab es sogar eine Medaille.

Diese virtuellen Wettkämpfe haben mir über manch ein Motivationsloch hinweggeholfen, keine Frage. Ich bin dankbar dafür, dass die Veranstalter so reagiert und die Läufe nicht ganz haben ausfallen lassen.

Trotzdem: Hach, es war so unglaublich viel schöner am letzten Samstag am Reschensee! Es ist etwas anderes, wenn man tatsächlich woanders läuft, das leichte Kribbeln, mit Startnummer loszulaufen, andere zu überholen, selbst überholt zu werden, vielleicht auf den letzten Metern noch einmal alle Kraft und Energie zusammenzunehmen für einen kleinen Schlussspurt.

Das Team vom Reschenseelauf um Gerald Burger hat einen phantastischen Job gemacht. Es ist ja nicht so, dass einem ein solcher Wettkampf momentan einfach so genehmigt würde. Es gab zahlreiche Auflagen, es war anders als sonst, klar. Aber: Das Konzept ist aufgegangen, glückliche Gesichter auf der Strecke und im Start- und Zielbereich zeigten die Dankbarkeit der Läuferinnen und Läufer sehr deutlich.

Immerhin knapp 2000 Läuferinnen und Läufer sind am Start bei der Special Edition und 21. Ausgabe des Laufes um den See. Zwischen 7 und 19 Uhr werden sie etwa alle 20 Sekunden einzeln auf die Strecke geschickt. Dadurch gibt es nirgends Gedrängel, weder im Start, noch auf der Strecke und im Ziel. Bei der Startnummernausgabe wird die Temperatur gemessen, die Startzeit wurde innerhalb eines vorher anzugebenden Zeitfensters zugeteilt. Überall gibt es Desinfektionsmittel.

Erwähnenswert, auch wenn es gar nichts mit den speziellen Bedingungen zu tun hat: Der Starterbeutel ist reich gefüllt mit einem Multifunktionstuch und zahlreichen Spezialitäten aus der Region.

Statt wie sonst in Graun geht es an der Talstation der Schöneben-Bergbahn auf die Strecke, wo mehr Platz ist. Es folgen 15,3 Kilometer um den wunderschönen See mit dem hellblauen Wasser und der imposanten Kulisse mit dem Ortler-Massiv im Hintergrund.

Es geht zunächst am Seeufer an Reschen vorbei, dann kommt schon bald der versunkene Kirchturm in den Blick, das Wahrzeichen des Reschensees, das auf zahlreichen Reiseführern zu sehen und eine große Attraktion ist: Touristen bleiben hier stehen und fotografieren, auf einem Steg stehen sie in Massen und produzieren Selfies mit dem bekannten Turm im Hintergrund.

Der so idyllisch aus dem türkisblauen Wasser ragende, aus dem Jahr 1357 stammende Turm erinnert an eine traurige Geschichte: Bis Ende der 1940er Jahre stand hier an zwei kleineren Seen das alte Dorf Graun, gut 670 Menschen lebten hier hauptsächlich von der Landwirtschaft. Für ein Wasserkraftwerk sollten der kleine Reschen- und der Graunersee gestaut werden, bis ins Jahr 1920, ein Jahr nach der Angliederung Südtirols an Italien, ging dieses Projekt zurück. Nach Verzögerungen durch den Zweiten Weltkrieg begann 1948, allen Widerständen zum Trotz, der Bau der Staumauer.  Mitunter blieben gerade ältere Bewohner, die ihr Heim nicht verlassen wollten, noch in ihren Häusern, als das gestaute Wasser schon den ersten Stock erreichte. Manche mussten hinaus getragen werden. Am 16. Juli 1950 läuteten um 20 Uhr zum letzten Mal die Glocken in dem Turm, der nun aus dem Reschensee ragt. Einige Tage später wurde die Kirche gesprengt, der Turm blieb aufgrund von Denkmalschutzbestimmungen stehen. Altgraun und einige Höfe in St. Valentin und ein Großteil Reschens versanken durch die Stauung.

Dies alles geht mir durch den Kopf, als ich am Altgrauner Kirchturm vorbeilaufe, der auch an diesem Tag ein Touristenmagnet ist. Am Abend vorher habe ich „Ich bleibe hier“ zuende gelesen, ein Roman von Marco Balzano, der die Geschichte Altgrauns packend aus der Sicht einer Bewohnerin erzählt und mit ihrer Beschreibung der „Touristenattraktion“ endet: „Als wären unter dem Wasser nicht die Wurzeln der alten Lärchen, die Fundamente unserer Häuser, der Platz, auf dem wir uns versammelten. Als hätte es die Geschichte nicht gegeben.“

Ich denke über diese Geschichte nach und laufe weiter. Und freue mich trotz allem daran, wie schön es hier ist, auch als ich über die Staumauer laufe, Südtirols höchsten Berg, den Ortler, dabei in der Ferne im Blick.

Nach der Mauer ist mehr als die Hälfte geschafft, nun kommt der etwas anstrengendere Teil, da es immer wieder auf und ab geht. Pascal hat mich inzwischen überholt. Ich versuche, ihn nicht zu weit ziehen zu lassen.

Aber die Zeit ist heute ohnehin egal. Es geht darum, zwar allein, aber doch mit ganz vielen anderen, um diesen See zu laufen und es zu genießen. Und das klappt ganz wunderbar. Was aufgrund der besonderen Situation wegfällt, ist die Zielverpflegung und das gemeinsame „Abhängen“ im Zielbereich. Aber das ist zu verschmerzen, zumal es ja noch so viele wunderbare Ecken in der unmittelbaren Umgebung gibt.

Nach dem Lauf fahren wir nach St. Valentin, spazieren dort noch ein bisschen am kleinen, aber eindrucksvollen Haidersee entlang…

… und essen dann nach mehrfacher Empfehlung in der Pizzeria Katrin eine wirklich tolle Pizza. Hier konnten wir überdies unsere beiden 10-Euro-Gutscheine einlösen, die auch noch im Starterbeutel zu finden waren!

Am Tag nach dem Lauf machen wir noch eine Tour hinauf auf den 2808 Meter hohen Piz Lat, wo wir mit gigantischen Blicken in die Schweiz, nach Österreich und nach Italien belohnt werden. Auch hier ist die wechselvolle Geschichte der Gegend allgegenwärtig, führen doch Teile des Weges über einen alten Militärweg. Wieder muss ich an die Geschichte denken, die Marco Balzano in seinem Roman erzählt, versteckt sich doch seine Protagonistin während des zweiten Weltkriegs in den Bergen westlich von Reschen vor den Deutschen.

Zum Abschluss essen wir noch auf der Reschner Alm, bevor wir uns in Reschen selbst noch mit einigen Südtiroler Leckereien eindecken. Ein tolles verlängertes Wochenende im wunderbaren Vinschau war das – inklusive einem Wettkampf, bei dem die Organisatoren eindrucksvoll gezeigt haben, dass trotz der Einschränkungen durch Corona und unter Einhaltung sämtlicher Hygienemaßnahmen, ein tolles Event möglich ist. Danke dafür!

 

4 Gedanken zu „Wunderbarer Reschenseelauf: Endlich wieder ein Wettkampf“

  1. Echt sehr gut gestaltet, und herzlichen Dank fürs Lob. Wir haben in der Tat einige Hürden überwinden und Zeit aufwenden müssen um die „Kleinigkeiten“ auszutüfteln, aber es hat sich gelohnt: die vielen zufriedenen Teilnehmer*innen

  2. Ein wunderbarer Artikel über den Reschenseelauf und über die vielen schönen Fleckchen in unserer Gemeinde Graun! Danke dafür.

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