Zugspitz Supertrail XL – mein (bisher) härtestes Rennen

Der Zugspitz Ultratrail 2014 ist vorbei. Was für ein Wahnsinns-Wochenende, ich habe selten erlebt, dass ein Laufereignis schon im Vorfeld so viel Furore gemacht hat. Alle waren da und alle haben in den letzten Wochen in ihren Blogs und auf Facebook über ihren Trainingsstand, ihre Vorbereitungsläufe, ihre Vorfreude und Nervosität berichtet. Und genau diese unglaubliche Vorfreude, gepaart mit ungeheurem Respekt und einem bisschen Angst hatte auch mich seit Wochen im Griff.

Ich war nicht bei der ganz langen Distanz, dem Ultratrail über 100 Kilometer, am Start, aber der Supertrail XL mit seinen fast 80 Kilometern, knapp 4100 Höhenmetern im Auf- und 4400 Höhenmetern im Abstieg bedeutete für mich das längste, höchste, weiteste in meinem bisherigen Läuferinnenleben. Ich war also nervös, hatte die letzten Tage nicht gerade gut geschlafen und mein Magen fand das Ganze auch irgendwie nicht so prickelnd.

Bei der Pastaparty und dem Race Briefing trafen wir Aufgeregten zusammen, schön war es, so viele Bekannte wiederzusehen, das super organisierte Event hatte etwas von einem großen Familientreffen. Viele sollten am nächsten Tag unglaubliche Leistungen vollbringen. Doch davor: eine mehr oder weniger schlaflose Nacht.

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Heilfroh war ich und sicher ganz viele andere auch, als die ganze Warterei ein Ende hatte und ich in Ehrwald am Start stand, umgeben von netten anderen Verrückten in einer wunderbar aufgeregten Atmosphäre. Endlich ging es los, mit „Highway to Hell“ wurden wir pünktlich um 8 Uhr auf die Strecke geschickt. Auf einem Highway to Hell habe ich mich später am Tag allerdings auch gefühlt, aber bis dahin hat es zum Glück eine Weile gedauert. Nach Dauerregen und Kälte am Vortag zeigte sich wieder einmal, dass der Wettergott ein Läufer sein muss. Bessere Bedingungen hätten wir kaum haben können, die Sonne schien am strahlend blauen Himmel, trotzdem war es nicht zu heiß.

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Die Strecke hat es in sich,und das von Anfang an. Beim Aufstieg zum Feldernjöchl haben wir auf den ersten gut zehn Kilometern schon knappe 1500 Höhenmeter hinter uns gebracht, doch nahezu atemlos stehe ich vor allem deshalb auf 2045 Metern Höhe, weil der Ausblick hier oben einem den Atem verschlägt. Hier und immer wieder später bleibe ich stehen, mache Fotos, schaue herum und bin mir sicher, alles richtig gemacht zu haben. Dafür lohnt sich der Aufwand, lohnt sich die Quälerei, keine Frage.

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Nun geht es 1000 Höhenmeter hinunter, ich weiß, es sind diese Downhills, die mir das Rennen mit der Zeit schwer machen werden. Doch noch ist alles im grünen Bereich, beim Aufstieg zum Scharnitzjoch schrauben wir uns wieder auf über 2000 Meter Höhe, und wiederum ist der Anblick berauschend. Ich merke immer mehr, dass ich hier gerade ein unglaublich tolles Abenteuer erlebe. Als mitten in der Landschaft das Schild steht, das mir mitteilt, dass ich noch 50 Kilometer vor mir habe, wird mir trotzdem etwas mulmig, schließlich habe ich zu dem Zeitpunkt schon 28 Kilometer und über 2100 Höhenmeter in den Beinen.

 

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Außerdem weiß mein Magen immer mal wieder nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen soll. Ich vertrage meine Salztabletten nicht, versuche es an den Verpflegungsstationen mit Salzstangen, Nüssen und gesalzenen Gurken. Mal bekommt mir das besser, mal schlechter. Vorsichtig trinke ich einige meiner Gels. Mein rechter Fuß fängt früh an zu schmerzen, eine Druckstelle von der Schnürung lässt im Laufe des Tages einen dicken Bluterguss auf dem Fuß wachsen, der bei jedem Downhill weh tut. Immer mehr Stellen schmerzen mit der Zeit, aber das war klar, da muss ich also durch – das müssen die anderen schließlich auch.

Inzwischen überholen mich immer mehr der schnellen Ultratrailer, mein Respekt ist unendlich groß. Die laufen so viel weiter und noch höher und rennen mit einem Wahnsinns-Speed an mir vorbei. Unglaublich. Und auch die meisten Läuferinnen und Läufer aus meinem eigenen Rennen sind vor mir. Aber ich lerne im Laufe dieses Rennens, dass das egal ist, dass ich mich hier und heute mit niemand anderem messe, sondern dass ich dafür kämpfe, anzukommen, es ist eigentlich nur ein Kampf mit mir selbst, der heute zählt. Es ist mein Ziel, zu finishen, die Zeit ist egal, so lange ich im offiziellen Zeitlimit bleibe. Zwischendurch habe ich mit einer schnelleren Zeit geliebäugelt, aber irgendwann relativiert sich das alles.

Dieser Kampf mit mir selbst fängt dann irgendwann nach ungefähr 45 Kilometern richtig an. Vorher habe ich noch Freunden an den Verpflegungsstationen (DANKE für Eure Hilfe dort und für Euren Zuspruch, das tat so unglaublich gut!!!!) versichert, dass alles super ist. Aber irgendwann wird es schwer, sehr schwer. Und das kommt in Wellen, manchmal ist es in Ordnung, ich habe meinen Rhythmus und ziehe sogar an einigen Läufern vorbei. Aber dann fängt es wieder an wehzutun und schwer zu werden. Ein Tiefpunkt ist das Schild, das mir mitteilt, dass es noch 30 Kilometer bis zum Ziel seien. Scheiße, 30 Kilometer! Und der lange, elendige Aufstieg zur Bergstation Alpspitzbahn über die Talstation Längenfelder, den ich vom Basetrail im Vorjahr nur allzu gut in Erinnerung habe, steht mir noch bevor. Es geht schleppend, sehr schleppend weiter, mal allein, mal mit anderen zusammen. Viele schöne Begegnungen habe ich im Laufe dieses langen Tages. Das hilft.

Aber das meiste spielt sich in meinem Kopf ab. In schwachen Momenten denke ich an die vielen tollen Laufmomente der letzten Zeit, daran, was mir Laufen schon alles gegeben hat. Visualisiere Zieleinläufe nach schweren Rennen, versuche mich in das Gefühl hineinzuspüren, das ich dann habe. Irgendwie funktioniert das alles. Ich habe schwierige Phasen, aber denke nie ernsthaft darüber nach, aufzugeben. Ich will dieses Rennen finishen, so viel steht fest. Von wegen Highway to Hell, mein Weg soll heute woanders hinführen! Zum Glück weiß ich die ganze Zeit nicht, wie lang ich am Ende unterwegs sein würde.

Als ich das erste Mal an der Verpflegungsstelle Talstation Längenfelder ankomme, die man zweimal passieren muss, denke ich immer noch, dass ich in 16 bis 17 Stunden finishen werde. Hier hole ich meine Stirnlampe heraus, es ist inzwischen dunkel, eine atmosphärisch ganz andere Phase des Rennens beginnt. Mir ist kalt, ich bin froh über die Pflichtausrüstung, ich ziehe alles an, was ich dabei habe. Die Nudelsuppe erscheint verlockend, aber nach einigen Löffeln wird klar, dass das leider nicht geht. Etwas später muss ich beim Aufstieg zur Bergstation Alpspitzbahn anhalten und in einen Riegel beißen, weil mir schwindelig wird.

Am Ende hat es länger gedauert als gedacht. Der finale Downhill von 2029 Metern an der Bergstation bis hinunter nach Grainau auf 744 Metern wird zur totalen Qual. Ich gehe fast nur noch. Meine Beine wollen nicht mehr, ich habe außerdem das Gefühl, dass ich mir auf den letzten Metern auf diesem extrem rutschigen steilen Abstieg noch alles breche, wenn ich versuche, hier Tempo zu machen. Mein Ziel war es, unverletzt und innerhalb des Zeitlimits anzukommen, also gehe ich weitgehend hinunter. Zumal meine temporäre Laufpartnerin auf diesen Kilometern arge Kreislaufprobleme bekommt, und jemanden am Ende dort einfach allein zu lassen für einige wenige Minuten, das geht überhaupt nicht.

Unendlich dankbar bin ich, als wir in Grainau ankommen und die letzten Kilometer einfach noch zum Ziel laufen können. Um 2 Uhr und 21 Minuten, also nach über 18 Stunden, laufe ich über die Ziellinie. Müde. Und mir ist kalt. Ich schleppe mich zum Hotel und mir fehlt fast die Energie, mich aus den Funktionsklamotten herauszupellen. Aber ich bin froh. Und stolz. Und einigermaßen erstaunt darüber, was der Kopf am Ende zu leisten imstande ist gegen einen Körper, der schon lange lieber im Bett statt auf dem Berg gewesen wäre. Am Tag danach tut alles weh, ich humple durch die Gegend. Aber was macht das schon? Hey, ich bin gestern den bisher längsten Lauf meines Lebens gelaufen!

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