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Mentaltraining beim Allgäu Panorama Marathon

Die Generalprobe für den UTMB sollte es für mich sein: der Ultralauf beim Allgäu Panorama Marathon. Es war in mancher Hinsicht härter als gedacht, aber am Ende doch eine gelungene Probe und ein Erfolg für mich.

Zunächst einmal: Es war wieder fantastisch, was Axel Reusch und sein Team da in und um Sonthofen auf die Beine gestellt haben. Unter schwierigen Bedingungen und mit einigen Auflagen aufgrund der Pandemie fand im Allgäu ein ganz wunderbares Event statt: super organsiert, tolle Strecken, großzügige Teilnehmergeschenke und überall megafreundliche Helferinnen und Helfer. Die Energie, die der Veranstalter da im Vorfeld reinstecken musste, mag ich mir gar nicht vorstellen. Und dann auch noch die Diskussionen in der Event-Facebook-Gruppe, in der Axel Reusch immer mal wieder mit Engelsgeduld die ihm auferlegten Maßnahmen (z.B. dass jeder Teilnehmer ein Smartphone mit Corona-Warn-App mitführen musste) erläuterte und hinzufügte, er sei ja kein Virologe aber…

Zurück zu meinem Lauf. Drei Wochen vor meinem Start beim UTMB wollte ich auf den 69 Kilometern mit etwa 3100 Höhenmetern schauen, wie gut meine Beine einen Ultra in den Bergen hinbekommen. Schon kurz nach dem Start merkte ich aber, dass es heute wohl eher darum gehen würde, wie mein Kopf das alles hinbekommt. Meine Beine sind nicht das Problem, aber nach nur wenigen Kilometern habe ich das Gefühl – und das habe ich wirklich nicht oft – keine Lust mehr zu haben. Ich marschiere bergan, es geht mir an sich gut, aber der Gedanke, dass das hier und heute noch über 60 Kilometer so geht – puh. Ich bin ja nun bergauf alles andere als schnell, zahlreiche Läuferinnen und Läufer marschieren an mir vorbei. Meine Motivation sinkt, oder vielleicht ist sie einfach unten im Tal geblieben, statt mit mir auf den ersten Anstieg zu kommen.

Die Sache mit dem Kopf

Ich denke darüber nach, was ich mit dieser Situation jetzt mache. Normalerweise ist es bei mir bei meinen Ultraläufen so, dass der Kopf irgendwann der entscheidende Faktor wird. Mentale Stärke und so. Aber ohne starken Kopf? Mir fällt ein, dass es beim Allgäu Panorama Marathon auch geht, bei Kilometer 50 in Oberstdorf aus dem Rennen zu gehen, eine Marathonmedaille zu bekommen und als Finisher zu gelten. Das spukt eine Weile in meinem Kopf herum. Gleichzeitig grummelt mein Magen etwas, und hatte ich schon erwähnt, dass es so gar nicht mein Wetter ist? Nix mit feiner Augusthitze, stattdessen kühl und wolkig-nebelverhangen, mal ein bisschen Nieselregen, mal trocken, mal mehr Regen. Mir ist kalt. Mimimi.

Zum Glück gehe ich mir mit dieser Null-Bock-Einstellung bald selbst so auf die Nerven, dass ich mir verbal gehörig in den Hintern trete. Mir fällt außerdem ein, wie sehr ich mich wochenlang verfluchen würde, wenn ich ohne jegliche körperliche Probleme hier heute einfach abbrechen würde. Bei der Halbmarathondistanz wird mir zwar nochmal ganz anders, weil ich ja noch nicht einmal ein Drittel geschafft habe, aber schon jetzt ist klar, dass ich das Ding hier durchziehen werde.

Das Gute daran, wenn man lange einen Berg hochmarschiert, ist ja, dass irgendwann ein Downhill folgt. Ich liebe Downhills. Downhill fetzt. Zwar muss ich sie heute etwas vorsichtiger angehen, da sie wirklich schlammig und rutschig sind, trotzdem überhole ich viele von denen, die bergauf stärker waren, nun wieder. Das Spiel sollte sich im Laufe des Rennens noch häufiger wiederholen. Die schlammigen Downhills geben mir jedenfalls etwas Energie zurück, langsam komme ich ins Rennen. Wurde auch Zeit…

Teamwork beim Allgäu Panorama Marathon

Schon eine Weile laufe ich meist mit Karl-Heinz, 67 Jahre alt, Finisher des allerersten Trans Alpine Runs. Kennengelernt haben wir uns irgendwo auf der Strecke. Wir haben genau dasselbe Tempo, rauf langsam, runter schneller. Wir reden nicht besonders viel, aber es hilft ungeheuer, zusammen unterwegs zu sein. Spätestens beim letzten langen Anstieg ist es richtig viel Wert, sich hier nicht allein hoch zu kämpfen.

Bis dahin waren wir schon in Riezlern im Kleinwalsertal, haben also einmal die Grenze nach Österreich und einmal die zurück nach Deutschland überlaufen, haben außerdem immerhin 50 Kilometer und gut 2000 Höhenmetern in den Beinen und sind nun in Oberstdorf. Ein alkoholfreies Weißbier trinken, ein Stück Brot essen, ein paar Steine und Schlammkrümel aus den Schuhen holen, und weiter geht es. Und dann müssen wir eben in den folgenden zehn Kilometern nochmal 1000 Höhenmeter rauf. Das tut weh. Auf den Sonnenkopf geht es hinauf.

Genau: S.o.n.n.e.n.k.o.p.f. Der Name ist an diesem Tag ein einziger Hohn. Je näher wir dem Gipfel kommen, desto mehr schüttet es. Der Anstieg wird gegen Ende wirklich steil und schlammig. Ein Schritt rauf, einen halben zurückrutschen. Kalt und nass ist es. Aber, das erstaunliche ist: Irgendwie fühlt sich das alles auch saucool an. Immerhin habe ich mich, obwohl ich anfangs solche mentalen Probleme hatte, bis hierher, auf den letzten Gipfel gekämpft, habe gleich 60 Kilometer geschafft, bin gleich oben, und dann geht es nur noch bergab, bis ins Ziel!

Oben auf dem Gipfel stehen in völliger Nebelsuppe, nass und in der Kälte, die unglaublichen Helfer, die uns selbst hier oben mit Wasser und Cola versorgen. Literweise Wasser und Cola mussten sie hier auf dem Rücken hochschleppen, mussten zwischendurch Nachschub besorgen, weil plötzlich alle Läuferinnen und Läufer nur noch Cola wollten, und sind trotzdem die fröhlichsten und motivierendsten Helfer überhaupt. Sie feiern uns, weil wir oben sind, ich feiere sie, weil sie Helden sind.

Meine Helden

Meine neuen Helden warnen uns noch vor den nächsten Kilometern, wir sollen vorsichtig sein, da es „wirklich schlammig“ ist auf diesem Downhill. Ah, jetzt wird es also wirklich schlammig, denke ich mir, und muss lachen. Schon vorher sumpfte der Schlamm ständig wieder aus meinen Schuhen heraus. Ohne Matsch ist Quatsch, alte Trailrunner-Weisheit, nie war sie so wahr wie heute. Vorsichtig bewältigen wir die ersten Kilometer in einem Mix aus Laufen und Gehen, danach wird der Weg einfacher, teilweise geht es eine Forststraße hinunter, ab geht´s!

Die letzten Kilometer fallen mir ganz erstaunlich leicht, ich stoppe nochmal an den Verpflegungsstationen, trinke Cola, lasse mich von all den freundlichen Helferinnen und Helfern anfeuern und wenig später spuckt der Wald mich in Sonthofen aus. Jemand ruft mir zu, dass ich in 500 Metern da bin. Ich beschleunige, freue mich, dass das geht, laufe auf die Bahnschranke kurz vor dem Ziel zu, hoffe, dass sie nicht genau jetzt gerade heruntergeht, und schwupps, bin ich vor der Biegung hin zur Zielgerade. Hier steht Pascal, der heute den Halbmarathon gelaufen ist und entsprechend lange warten musste, und macht Fotos.

Ich freue mich, biege um die letzte Kurve und laufe ins Ziel. Da ist es wieder, das Gefühl der Erleichterung, des Glücks, ein bisschen Stolz ist auch dabei. Das Gefühl an der Ziellinie, für das sich einfach jeder, wirklich jeder Ultralauf lohnt.

10:51:51 Stunden habe ich gebraucht und komme damit als 13. Frau und als dritte in meiner Altersklasse ins Ziel. Karl-Heinz ist in seiner Altersklasse Zweiter geworden, herzlichen Glückwunsch auch an dieser Stelle nochmal!

Am Ende bin ich froh und dankbar, dass ich mich durchgebissen habe, dass es mir gelungen ist, aus der mental schwierigen Phase am Anfang herauszukommen und ein gutes Rennen daraus zu machen. Nur drei Wochen vor dem UTMB hätte ich mir wirklich keinen Gefallen getan, wenn ich früher aufgehört hätte. Außerdem wäre es das eine Frechheit gegenüber einer so liebevoll organisierten Veranstaltung wie dem Allgäu Panorama Marathon mit vielen wunderbaren Helferinnen und Helfern gewesen. Last, but not least: Ich hätte das Finisher-Steinmännchen nicht bekommen 😊

Nun kann, so hoffe ich, der UTMB kommen. In ein paar Tagen ist es so weit: Beim CCC stehen für mich 101 Kilometer mit 6100 Höhenmetern auf dem Programm. Ich bin nervös und aufgeregt und ich freue mich wie verrückt. Ich werde berichten.

PS: Ohne Matsch ist Quatsch:

Fotos: privat, Steffen Müller, go4it-Foto.

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Dr. Andrea Löw, Historikerin und leidenschaftliche Läuferin. Hier nehme ich euch auf meine Laufabenteuer und Reisen mit.

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