Allein und doch zusammen laufen: Virtuelle Wettkämpfe in Zeiten von Corona

Das hatte ich mir alles anders vorgestellt. Ihr bestimmt auch. Mein letzter Beitrag auf dieser Seite blickt zurück auf das letzte Jahr und unglaublich hoffnungsfroh in das Jahr 2020.

Dies soll kein Beitrag über all die verpassten Dinge werden. Obwohl es da einiges zu erzählen gäbe. Ohne Corona hätte ich inzwischen hier schon über den Barcelona-Marathon, einen Marathon auf tunesischen Trails und den 6-Stunden-Lauf in Ottobrunn geschrieben. Geheiratet hätte ich im April auch.

Hätte, hätte, hätte.

Dies ist eine Seite, die vom Laufen und vom Reisen handelt und, wenn möglich, von der wunderbaren Verbindung von beidem. Daher schreibe ich jetzt nicht all die Dinge auf, die mir in den letzten Wochen wichtig waren im Zusammenhang mit der Pandemie und den Maßnahmen, ich schreibe nicht über meine Wut über die Ignoranz mancher Menschen. Auch schreibe ich nicht über die Dankbarkeit, in Deutschland zu leben, wo die Pandemie bis jetzt recht glimpflich verlaufen ist, wo die Regierung besonnen und vernünftig gehandelt hat, wo Infektions-, aber vor allem Todeszahlen verhältnismäßig niedrig sind und hoffentlich bleiben.

Dieser Text soll vom Laufen handeln. Regelmäßige Leserinnen und Leser wissen, dass ich sehr viel Motivation daraus ziehe, wenn ich für ein tolles Rennen angemeldet bin. Wenn ich weiß, dass mir ein neues Abenteuer bevorsteht, für das es sich lohnt zu trainieren. Ich lebe von und für Vorfreude, ich suche Abenteuer, ich bin immer irre gespannt auf neue Herausforderungen. Ich erlaufen mir ferne Länder und fremde Gegenden und ich liebe das.

Jetzt fehlt das plötzlich alles. Natürlich laufe ich weiter. Ich habe das Privileg, dass ich gut von zuhause aus arbeiten kann und so habe ich die letzten acht Wochen im Home Office verbracht. Dadurch war es noch leichter, tagsüber laufen zu gehen. Außerdem hatten wir in Deutschland, im Unterschied zu zahlreichen anderen Ländern, das Glück, immer raus zu dürfen, nie wirklich vollständig eingesperrt gewesen zu sein. Und so war ich viermal, fünfmal die Woche laufen. An der Isar. Eigentlich also alles in Ordnung. Nur: Für lange Läufe fehlt mir, ziellos wie ich momentan bin, die Motivation. Zudem bin ich, vermutlich durch die Gesamtsituation (ich mache mir Sorgen, manchmal bin ich traurig wegen der Hochzeit und anderen Dingen, ich schlafe nicht besonders, wir trinken zu viel Wein) irgendwie ziemlich k.o.

Eine zumindest vorübergehende Lösung in Sachen Motivation sind virtuelle Wettkämpfe. In den Sozialen Medien habe ich gesehen, dass sehr viele von euch da auch mitmachen. Super Sache, finde ich. Es motiviert, man hat das Gefühl, doch gemeinsam mit anderen zu laufen, auch wenn man allein da draußen unterwegs ist. Manchmal gibt es sogar eine Startnummer und/oder eine Medaille. Ich finde, das alles hilft ein bisschen.

Beim Wings for Life Run waren viele Freundinnen und Freunde am Start, das war schön, und durch die App und das virtuelle Catcher Car hat es sich tatsächlich ein kleines bisschen „echt“ angefühlt, fand ich. Das Ganze auch noch für den guten Zweck, das gefällt mir eh immer gut. Ich bin zwei Tage nach dem WIngs for Life Run noch den 555er Run gelaufen, ein in Schweden organsiertes Event, bei dem am 5. Mai 5 Kilometer für 5 Euro gelaufen wurden. Der Erlös ging in diesem Fall an „Ärzte ohne Grenzen“.

Letzte Woche bin ich dann mein erstes virtuelles Etappenrennen gelaufen. Beim „Ultra Race Romania Lockdown Edition“ waren in sechs Etappen 70 Kilometer zu laufen, die Etappenlängen waren vorgegeben: 10 km, 12 km, 11 km, 20 km, 9 km und 8 km. Die Hälfte des Teilnehmerbeitrags von zehn Euro ging dabei an die rumänische NGO „Autism Voice“, die autistischen Kindern eine Therapie ermöglicht.

Das Rennen war dadurch sehr besonders, dass unter den Teilnehmern sehr viele Lauffreunde waren, mit denen ich in den letzten Jahren in realen Etappenrennen große Abenteuer erlebt habe. Vor allem aus dem längsten und anstrengendsten und härtesten Rennen, das ich je gelaufen bin, THE TRACK im australischen Outback im letzten, Jahr, waren eine Menge Freunde dabei. Und so musste ich mich zwar jeden Tag allein (bzw. teilweise mit meinem Fast-Ehemann Pascal) aufraffen, die vorgegebene Distanz zu laufen, aber ich wusste, in Australien, in Rumänien, in Frankreich, in Kanada oder auch diversen deutschen Städten laufen andere heute auch. Das war ein schönes Gefühl und es hat geholfen. Interessant war es übrigens, wie unterschiedlich, je nach Land, die erlaubten Strecken waren. Manche durften nur innerhalb von einem Kilometer von ihrer Wohnung entfernt laufen, eine Läuferin aus Zimbabwe musste alles auf ihrem Balkon rennen, andere behalfen sich mit einem Laufband.

Ehrlich gesagt: Es war hart. Nicht die Distanz. Da bin ich anderes gewohnt, hier war der längste Lauf nur 20 Kilometer lang, das ist eigentlich nicht schlimm. Aber durch die kurzen Distanzen und dadurch, dass es am Ende des Tages eben doch ein Wettkampf war, habe ich versucht, etwas schneller als mein Wohlfühltempo zu laufen. Das ging aber nicht besonders gut. Ich bin wirklich seltsam unfit im Moment. Wenn meine Pulsuhr mit ihrer Messung am Handgelenk stimmt, hatte ich immer einen recht hohen Puls. Sie könnte stimmen, da ich dieser Tage ziemlich rumkeuche, sobald ich versuche, etwas schneller zu laufen. Außerdem habe ich momentan Rückenschmerzen, die ich beim Laufen merke. Je schneller ich laufe, desto mehr merke ich sie.

Sprich, ich musste ziemlich kämpfen, obwohl die Distanzen kurz waren und ich nicht besonders schnell unterwegs war. Die Hälfte der Tage war außerdem ziemlich beschissenes (sorry…) Wetter. Einmal bin ich zum Beispiel in ein heftiges Gewitter gekommen. Ich habe Angst vor Gewitter.

Als die Blitze und das Donnern etwas nachgelassen haben, sind wir nass bis auf die Haut nach Hause gelaufen. Pascal ist dann zuhause geblieben und hat warm geduscht, ich musste weiter, meine an diesem Tag zu laufenden 11 Kilometer waren noch nicht fertig. Und ein Etappenrennen abzubrechen wegen Regen und nass sein und „Mimimi“, nach allem, was ich in den letzten Jahren durchgezogen habe? Nein, wirklich nicht! An dem Tag war ich echt stolz, als ich die Etappe beendet habe. In der Mongolei beim Gobi March hatten wir auch mal so ein Wetter, aber irgendwie war das da anders, weil wir ja alle da durch mussten.

Oft habe ich daran gedacht, wie wir in normalen Etappenrennen abends gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, wie alles so viel leichter fällt, weil wir zusammen sind, uns gegenseitig aufbauen und trösten, weil wir zusammen laufen, lachen, leiden und manchmal sogar singen. Das alles hat gefehlt. So sehr. Ich vermisse das. So sehr.

Und trotzdem war es schön, diese sechs Tage fast zusammen zu laufen. Es hat mich motiviert, es hat mir geholfen, jeden Tag die vorgegebene Strecke zu laufen, auch wenn ich vielleicht gerade keine Lust habe. Ich habe mich gefreut, abends Fotos der anderen Läufer zu sehen und zu lesen, wie es ihnen ergangen ist. Am Ende habe ich für die 70 Kilometer 6 Stunden, 37 Minuten und 45 Sekunden gebraucht. Nach der letzten Etappe, war ich froh, dass es geschafft war und dass ich jetzt mal zwei Tage nicht laufen muss. Ich bin den Organisatoren dankbar für die schöne Idee und die Durchführung dieses sehr speziellen Rennens. Ich war dadurch mit einigen guten Lauffreunden aus aller Welt ein paar Tage lang enger verbunden. Das tat gut. Ich habe mich außerdem mehr angestrengt, als ich das sonst wohl gemacht hätte. Es war nicht dasselbe wie ein „echtes“ Rennen, aber das ist ja klar.

Wir müssen uns wohl noch eine Weile mit solchen Dingen behelfen, uns an ihnen erfreuen, dürfen den Mut und die Hoffnung nicht verlieren. Nächste Woche laufe ich den Regensburg Marathon. Virtuell. Real und ganz praktisch in München an der Isar. Und vielleicht findet ja von den Abenteuerläufen, von denen ich gerade träume, noch etwas statt in diesem Jahr. Niemals die Hoffnung aufgeben…

In diesem Sinne: Lasst euch noch unterkriegen, haltet Abstand, passt auf euch auf und bleibt gesund und: Lauft weiter!!!

Ein Gedanke zu „Allein und doch zusammen laufen: Virtuelle Wettkämpfe in Zeiten von Corona“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.