Glückliche Frauen beim 261 Women´s Marathon in Palma de Mallorca

Einen Marathon nur für Frauen – macht das Sinn? Diese Frage habe ich mir ein ganz kleines bisschen im Vorfeld des 261 Women´s Marathon in Palma de Mallorca gestellt, ich gebe es zu. Ich mag die kürzeren Frauenläufe, bin immer wieder begeistert, wenn ich die glücklichen Gesichter der Finisherinnen dort sehe. Hier laufen viele Frauen, die sich sonst vermutlich nie getraut hätten, bei einem Wettkampf zu starten. Doch Frauen, die ohnehin einen ganzen Marathon laufen können? Macht für die eine solche Veranstaltung Sinn?

Meine Antwort am Abend des 8. März war ganz klar und eindeutig: Ja, das macht Sinn und – wow, was für eine tolle Veranstaltung!

Bei strahlendem Sonnenschein feierten über 1100 Frauen am Weltfrauentag in Palma die 2. Auflage des 261 Women´s Marathon. Auch einige Männer waren am Start. Sie kamen nicht in die offizielle Wertung und waren angehalten, den Damen im Ziel den Vortritt zu lassen. Start und Ziel für die Marathon- und 10-Kilometer-Strecke ist nahe der wunderschönen Kathedrale in Palma de Mallorca.

Um 9 Uhr startete Kathrine Switzer, die große Ikone des Frauenlaufsports, das Rennen, nachdem sie motivierende Worte an die bei sehr guten Wetterbedingungen wartenden Läuferinnen gerichtet hatte. Das Event ist benannt nach der Startnummer von Kathrine Switzer beim beim Boston Marathon 1967. Frauen durften damals nicht an der Startlinie stehen.

Die Studentin Kathrine Switzer hatte sich daher nur mit ihren Initialen als K.V. Switzer für den Boston Marathon angemeldet. Es war Frauen damals nur erlaubt, bei Wettkämpfen bis zu 800 Metern zu starten. Weiter sei zu anstrengend für sie, manch einer argumentierte sogar, dass längere Läufe Frauen unfruchtbar mache, da es ihre Gebärmutter schädige. All die wunderbaren Wettkämpfe, an denen wir heute so selbstverständlich teilnehmen, waren für Frauen also tabu. Und damit wollte sich Kathrine Switzer, 1947 in Deutschland als Tochter eines hier stationierten Majors der US-amerikanischen Armee geboren, nicht abfinden.

Gemeinsam mit ihrem Freund ging sie heimlich an den Start. Doch dann bemerkte Renndirektor Jock Semple sie während des Marathons. Entsetzt, dass eine Frau auf der Marathonstrecke lief, versuchte er sie von derselben zu zerren, wollte ihr die Startnummer, eben die Nummer 261, vom Leib reißen und schrie sie an: „Get the hell out of my race!“ Es kam zu tumultartigen Szenen, denn Switzers Freund, ein kräftiger Football-Spieler, drängte Semple zu Seite. Die Rangelei fand ausgerechnet genau vor dem Fahrzeug der Pressefotografen statt, die Switzers Bemühen, einen Marathon zu laufen, nun dokumentierten.

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Kathrine Switzer finishte diesen denkwürdigen Marathon in Boston in 4 Stunden und 20 Minuten. Die Fotos und ihr Finish lösten Diskussionen darüber aus, ob man Frauen weiterhin verbieten könne, Marathon zu laufen. 1972 war es dann so weit: Offiziell durften Frauen in Boston an den Start gehen. Kathrine Switzer wurde Dritte in 3:29:51. Doch ihr Kampf war noch nicht beendet. 1972 war sie als Journalistin bei den Olympischen Spielen in München und setzte sich hier und in der Folge dafür ein, dass Frauen auch bei Olympischen Spielen über die Marathon-Distanz an den Start gehen dürfen. 1984 in Los Angeles war auch dieses Ziel erreicht.

In der Zwischenzeit hatte Kathrine Switzer, die 1975 in Boston in ihrer persönlichen Bestzeit von 2:51:37 Zweite wurde, im Jahr 1977 eine Frauenlaufserie ins Leben gerufen – der erfolgreiche Berliner Frauenlauf ist Teil dieser Serie. Switzer sagt: „Laufen hat das Leben von Frauen auf der ganzen Welt verändert, es gibt ihnen Kraft und Selbstbewusstsein.“

2014 feierte der 261 Women´s Marathon auf Mallorca Premiere. In diesem Jahr fand der 261 Women´s Marathon am 8. März, also am Weltfrauentag statt – passender geht es wohl kaum. Kathrine Switzer erklärt am Vortag während der Nudelparty im Hard Rock Café, bei der ich das Glück hatte, sie zu treffen, die 261 sei ein „Symbol der Furchtlosigkeit“ – dafür steht die beeindruckende Frau selbst sehr glaubhaft ein.

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Sie gibt nicht nur ihren Namen für das Event, nein, Kathrine Switzer ist die ganze Zeit präsent, feiert die Frauen, die hier am Start sind, umarmt jede von ihnen beim Zieleinlauf. Die Stimmung ist sehr besonders und ausgelassen. Die allermeisten, über 1000, starten über die 10-Kilometer. Gemeinsam mit ihnen laufen die Marathonis eine Runde, bevor es für diejenigen, die sich der Herausforderung 42,195 Kilometer stellen, eher einsam wird. Dreimal wird eine etwa 10,7 Kilometer lange Runde am Hafen entlang gelaufen, was den Vorteil hat, dass die Läuferinnen immer wieder auf die wunderschöne Kathedrale zulaufen. Überhaupt ist die Kulisse ganz wunderbar, auch bietet das Wetter mit Temperaturen von bis zu knapp 20 Grad, bei manchmal recht kaltem (leider auch Gegen-)Wind auch kühler, gute Laufbedingungen.

Frauen Marathon / Frauenlauf auf Mallorca (Foto: Horst von Bohlen)

Auf der Wendepunktstrecke fällt immer wieder die extrem nette und nicht rein leistungsorientierte Atmosphäre auf: Die entgegen kommenden Läuferinnen grüßen sich, rufen sich aufmunternde Worte zu – und auch die zwar nicht so zahlreichen Zuschauer feuern begeistert an, rufen die Läuferinnen bei ihren Namen, sprechen ihnen Mut zu. Sie feiern die Frauen tatsächlich als Heldinnen. Viele Läuferinnen sind ganz offensichtlich wegen eines extrem sympathischen Events in einer tollen Kulisse bei frühlingshaftem Wetter am Start. Und auch die wenigen Männer sind sehr willkommen, werden keineswegs von verbissenen Feministinnen seltsam angeschaut.

Im Gegenteil: Ich habe das große Glück, mit Andreas Butz und Roland Gaechter zwei persönliche Pacemaker dabei zu haben. Relativ spontan und nach über einer Woche als Trainerin im Laufcampus-Trailrunning-Camp hier auf Mallorca vielleicht auch ein bisschen unvernünftig, bin ich nämlich dem Gedanken verfallen, meine Bestzeit unterbieten zu wollen. Also laufen die beiden als meine „Hasen“ vor mir her. Und das kommt bei den anderen Mädels richtig gut an, ständig bekomme nicht nur ich nette Zurufe, sondern die beiden Jungs ebenso.

Ich hatte die beiden am Ende bitter nötig, die letzte Runde war ein harter Kampf und ohne die Hilfe wäre es mit der Bestzeit nichts geworden. Bei Kilometer 42 haben sie mich vorbeilaufen und über den rosa Teppich direkt an der Kathedrale einen wunderschönen Zieleinlauf genießen lassen. In 03:47:53, knapp unter meiner bisher besten Marathon-Zeit. Und das bedeutete Platz 15 insgesamt und den zweiten Platz in meiner Altersklasse: Meinen Pokal hat mir Kathrine Switzer persönlich überreicht.

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Gewonnen hat die Rumänin Elena Daniela Cirlan in einer neuen Rekordzeit von 2:51:08. Die ehemalige Olympiateilnehmerin war von Anfang an vorn und gab ihre Führung bis ins Ziel nicht mehr ab. Die beiden spanischen Triathletinnen Noelia Mora und Marta Jiménez rannten fast das gesamte Rennen über Schulter an Schulter. Ihr Zieleinlauf unterstrich die sehr besondere Stimmung und das Miteinander beim Women´s Marathon: Die beiden liefen nach 3:20:54 Hand in Hand über die Ziellinie. Dies ist ein Beispiel für die sehr spezielle, wirklich tolle Stimmung in diesem Lauf. Und deshalb noch einmal: Ja, es ist gut, dass es diesen Marathon für Frauen gibt!

Über die beliebte 10-Kilometer-Distanz entschied wie im Vorjahr Vanessa Veiga das Rennen für sich für sich. Die Spanierin, die 2012 bei den Olympischen Spielen in London am Start war, benötigte 36:34. Auf den Plätzen zwei und drei folgten Laura Benguría in 37:29 und die spanische Mountainbiker Legende Marga Fullana in 37:56.

Frauen aus 23 Ländern waren in Palma am Start und wurden im Ziel statt mit einer normalen Medaille mit einer Halskette mit Perle belohnt. So wie Catherine (26) und Marianne (34), zwei Schwestern aus Luxemburg, die eigens für den Marathon für drei Tage nach Palma gekommen sind – und den 261 Marathon als Anlass nahmen, endlich mal wieder ein Wochenende gemeinsam zu verbringen. Und Catherine finishte dabei ihren erst zweiten Marathon. Solche Geschichten passen zu diesem Event, und viele davon wären zu erzählen.

Hoffentlich melden sich bei der nächsten Austragung, vor allem über die Marathondistanz, mehr Frauen an. Ich selbst kann nach meiner ersten Teilnahme an einem perfekt und zugleich sehr liebevoll organisierten Wettkampf sagen: Es lohnt sich! „Das Leben ist zum Teilnehmen da, nicht zum Zuschauen“ – das stand schließlich auf einem der Zettel mit Motivationssprüchen von Kathrine Switzer, die auf den Toiletten an der Strecke zu finden waren. Und im nächsten Jahr wird es für viele sicherlich noch attraktiver, dabei zu sein statt zuzuschauen: 2016 soll auch ein Halbmarathon angeboten werden.

Mich hat die Teilnahme am 261 Marathon übrigens sogar in eine spanische Tageszeitung gebracht – am Tag nach dem Lauf gab es eine Doppelseite über das Event – und mitten drin meine beiden „Hasen“ und ich:

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Dieser Bericht erschien in einer etwas kürzeren Version zunächst auf:

laufen.de

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