Vom Scheitern: wie ich den Trans Alpine Run nicht geschafft habe

Mein Jahres-Höhenpunkt, mein großes läuferisches Ziel für 2016 ist gescheitert. Punkt. So einfach ist das. Ich wollte gemeinsam mit Sandra den Trans Alpine Run finishen, habe aber nur fünf von sieben Etappen geschafft. Punkt. Gescheitert.

Alle loben meine Vernunft. Die Entzündung im Schienbein, die mich bereits zwei Etappen lang gequält hatte, hätte chronisch werden können. Manche sagen gar, es war viel mutiger, an diesem Punkt aufzuhören, als weiterzulaufen. Viele loben meinen Kampfgeist. Zwei Etappen bin ich mit einem wirklich schmerzenden, dick geschwollenen Schienbein gelaufen, habe die Zähne zusammengebissen, habe in der Tat gekämpft. Und diejenigen, die so etwas gar nicht machen, erstarren ohnehin vor Ehrfurcht darüber, dass ich von Deutschland nach Italien gelaufen, dass ich fünf Etappen mit etwa 180 Kilometern und 10.000 Höhenmetern im Auf- und Abstieg überhaupt geschafft habe.

Und wisst ihr was? Nichts von all dem hat eine besondere Bedeutung. Ich habe es nicht geschafft. Punkt. Es fühlt sich nicht gut an und ich bin noch nicht fertig damit. Immer wieder kreisen meine Gedanken um die Frage, wo es schief lief, was ich wann falsch gemacht habe. Ich habe inzwischen einige Antworten gefunden, damit möchte ich euch hier aber gar nicht langweilen. Ist passiert, aus, vorbei.

Die Frage ist jetzt aber die, wie wir mit solchen Erfahrungen umgehen. Klar, schütteln, aufstehen, stärker werden und so. Aber das habe ich mir vor zwei Jahren, als die verletzungsbedingte Aufgabe in der sechsten Etappe des TAR mein bisher erstes und einziges DNF bedeutete, auch schon gesagt. Hat nicht geklappt. Zumindest nicht in Bezug auf dieses Rennen. Diesen einen für mich so wichtigen Wettkampf (zwei Mal TAR, zwei DNF, die beiden einzigen DNF in unendlich vielen Laufwettkämpfen). Wäre es nicht vor zwei Jahren schon schief gegangen, würde es sich nicht so schlimm anfühlen.

Alles andere hat in der Zwischenzeit ja funktioniert. Mein erster 100-Kilometer-Lauf. Mein erster 125-Kilometer-Lauf. Die 4Trails, also vier Etappen in den Alpen. Ein viel zu früh im Jahr angegangener 85-km-Lauf in den Bergen; war hart, hat aber geklappt. Mit Muskelkater, aber ohne sonstige Wehwechen.

Die Mehrtagesbelastung habe ich trainiert. Höhenmeter habe ich trainiert. Downhill habe ich trainiert. Ich war wochenlang fast jedes Wochenende in den Bergen. Und habe trainiert.

Vermutlich habe ich trotzdem einiges falsch gemacht, einiges hat auch während des TAR selber nicht gepasst. Ich bin enttäuscht von mir, wütend auf meinen Körper, der in diesem entscheidenden Moment nicht funktioniert hat.

Und jetzt?

Was mache ich jetzt damit? Ehrlich gesagt, möchte ich wieder mehr in den Bergen sein und es einfach nur genießen. Meine geliebten Berge – warum genau hetze ich dadurch, gejagt von Cut Off-Zeiten, wenn mir schon alles weh tut? Ich bin so furchtbar gern in den Bergen, möchte dort stehen bleiben, in die Landschaft schauen, genießen und glücklich sein. Ich bin am Berg einfach nicht so schnell, dass ich mir das bei einem Event wie dem TAR ständig erlauben könnte. Aber muss ich das dann überhaupt machen?

Ganz sicher werde ich nächstes Jahr unendlich oft in den Bergen sein. Werde langsam hoch- und schnell hinunterrennen. Gerne auch in Wettkämpfen, in Marathons, auf Ultradistanzen. Aber weniger gehetzt als beim TAR. Und oft eben auch einfach so. Für mich. Ich liebe die Berge.

Außerdem möchte ich lernen, das alles nicht so furchtbar ernst und wichtig zu nehmen. Meine Enttäuschung steht in keinem Verhältnis zu dem, was da passiert ist. Etwas mehr Gelassenheit wäre wunderbar. Ist aber nicht so ganz einfach.

Mehr Pausen, mehr Ruhe, mehr Auszeiten. Muss ich lernen. Mir mantramäßig aufsagen.

Vorfreude auf die Dinge, die da kommen. Während ich gerade immer noch in meiner Laufpause fest sitze und darauf hoffe, dass das Schienbein bald wieder mitspielt, schmiede ich außerdem einen großen wunderbaren Plan für 2017. Ich werde mir wohl einen Traum erfüllen und durch eine Wüste laufen (und gehen). Dafür lohnt es sich doch, wenn das körperliche und mentale Tief überwunden ist, wieder zu trainieren…

 

PS: Sandra, meine absolute Heldin, hat den Trans Alpine Run souverän gefinisht. Zumindest die Hälfte vom Team „laufen.de/ASICS Frontrunner“ kam also laufend in Brixen ins Ziel.

PPS: Einen ausführlichen Bericht über den Trans Alpine Run, seine sieben Etappen auf der Strecke von Garmisch-Partenkirchen bis Brixen und die unglaublich tollen Läuferinnen und Läufer, die dort mit uns unterwegs waren, erscheint in einer der nächsten Ausgabe von laufen.de

 

5 Gedanken zu „Vom Scheitern: wie ich den Trans Alpine Run nicht geschafft habe“

  1. Liebe Andrea,

    ich erkenne mich in dem, was Du schreibst, sehr wieder. Zwar laufe ich dieses enorme Pensum nicht, sondern „nur“ Marathon. Und ich musste auch noch kein Rennen aufgeben. Aber was hab ich mit mir gehadert während meiner Sehnenverletzung 2014! Warum ich, was hab ich falsch gemacht, ich hatte doch immer Erholungsphasen… Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich eingesehen hab, dass das der Sport ist. So banal es klingt, aber ein recht umfangreiches Training bringt einfach die Gefahr mit sich, sich zu verletzen. Unser Körper setzt uns Grenzen. Wichtig ist, finde ich, nicht zu hadern, sondern nach vorne zu schauen und immer wieder aufzustehen. Dazu gehört auch Geduld, die zugegebenermaßen nicht meine Stärke ist. Aber aus Schwächen wird man stark. Ich möchte laufen, weil ich es liebe, und dann muss ich auch durch solche Phasen durch. Das hab ich mir 2014 immer gesagt und es hat geholfen.
    Ich wünsche Dir, dass Du bald wieder so trainieren kannst, wie Du es möchtest.

    Alles Gute,
    Julia

  2. Diesen Text so zu schreiben, Dich so „nackig“ zu machen, das ist ein großer Schritt in Richtung Gelassenheit, zu dem ich nur gratulieren kann. Warum hast Du was falsch gemacht? Dein Körper hat keine Steuereinheit, wo man Pegelstände ablesen kann. Ich wünsch Dir einfach eine schöne Zeit mit vielen Läufen für Körper und Seele! Viele Grüße von Katrin, die jetzt eigentlich auf dem Weg zum Ironman in Hawaii wäre, sich aber für Gelassenheit entschied.. einfach so.. weil’s manchmal so ist (was nicht heißt, dass es leicht ist). Danke für den Artikel!!

  3. Ich verstehe dich. Wahrscheinlich wäre es bei mir noch viel schlimmer. Trotzdem: sei nicht so hart zu dir. Wenig bis nichts an diesem DNF hast du selbst verschuldet. Wenn man so einen Extremlauf macht, ist das auch ein Austesten der Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit. Und da kann sowas passieren, das hattest du nicht exklusiv. Abhaken, neue Ziele setzen und beim nächsten Mal wird es klappen, da bin ich ganz sicher.

  4. Sehr interessanter Beitrag! 🙂 Einfach nicht aufgeben. Jetzt erst recht und weitermachen heißt die Devise. Auf das letzte Tief folgt immer ein UP. Es kann also nur besser werden. Kopf hoch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.