Ultra Mirage El Djerid: magisches Rennen in der Sahara

Sand. Lockerer Sand. Es ist Schweiß treibend, mich hier durchzukämpfen. 42 Grad treiben den Schweiß auch. Ich kämpfe weiter, irgendwo zwischen dem dritten und dem vierten Checkpoint des Ultra Mirage El Djerid, und sage mir, wenn es einfach wäre, würde es jeder machen.

100 Kilometer in der Sahara sind bei diesem Rennen zu bewältigen, zum dritten Mal findet es statt. 60 Prozent der Starter sind Tunesier, die übrigen Starter kommen aus 25 Nationen, 20 Prozent sind Frauen. Ganz wunderbar finde ich, dass sich der Ultra Mirage ganz klar für Chancengleichheit im Sport ausspricht und das gleiche Preisgeld für Frauen und Männer ausschreibt. Der Chott El Djerid, der im Namen des Rennens steht, ist der größte Salzsee Nordafrikas und der Sahara, und laut Reiseinformationen erlebt man in den magischen Farbspielen dort immer wieder Fata Morganas – die „mirages“, was den anderen Teil des Namens erklärt.

Die Vorfreude war größer als die Trainingsumfänge, daher war mir klar, dass ich es hier langsam angehen lassen muss. Aber ohnehin geht es doch bei einem solchen Lauf durch die Wüste für mich vor allem um das Abenteuer, um das Erlebnis Wüste.

Nun stehe ich also aufgeregt neben der Kulisse von Star Wars und warte, dass es losgeht. Ich freue mich, bin nervös, bin, wie immer bei solchen Läufen, auch demütig, geht es doch hinaus in die Natur, in gewaltige Natur.

Letzte Pre-Race-Fotos werden gemacht, die Tunesier singen etwas, das ich nicht verstehe, und dann geht es los.

Wir laufen. Es geht super. Der Sand ist hart, es sind eher Pisten, über die wir die ersten Kilometer laufen, kein Problem, ich komme gut von der Stelle. Laufe mal allein, mal mit anderen, meist schweigend, manchmal wechsle ich ein paar Worte mit meinen Mitläufern. Bis zum ersten Checkpoint bei Kilometer 19 trabe ich locker vor mich hin und freue mich einfach nur an der Landschaft, das irre Bild vom ausgetrockneten Salz in der Wüste, und darüber, dass ich hier sein darf.

Vor dem zweiten Checkpoint geht es ein paar Kilometer durch lockeren Sand, ich werde langsamer, aber alles im grünen Bereich. Mit riesig guter Laune komme ich bei Kilometer 35 an, esse Datteln, unterhalte mich mit Andrea vom Tunesischen Fremdenverkehrsamt, freue mich über die Nachricht, dass meine Lauffreundin Judith Havers, mit der ich hierhergekommen bin, richtig stark vorne mitläuft. Optimistisch und still vor mich hinlächelnd trabe ich weiter.

Ich biege links ab von der Piste und sehe – Sand. Eine ewig lang scheinende Strecke, die immer geradeaus durch Sand führt, tiefen Sand. Ich erinnere mich, wie der wunderbare Rennorganisator Amir Ben Gacem beim Briefing am Vortrag den jetzt folgenden Streckenabschnitt „the six kilometres of death“ genannt hat. Das kann ja heiter werden!

Es zieht sich, ich komme nur langsam vom Fleck, versuche immer wieder, in Zeitlupe Haken schlagend Stellen zu erwischen, auf denen ich besser auftreten kann. Gelingt nur mäßig gut. Aber nützt ja nichts, es geht weiter. Als besagte sechs Kilometer vorbei sind, kann ich ein kleines Stück recht gut laufen. Allerdings scheinen jetzt schon meine Füße stark angeschwollen zu sein. Ich kann kaum mehr auftreten, es scheuert an den Zehen, so eng ist es. Mist, bleibt das jetzt so für mehr als 50 Kilometer?

Ein Läufer vor mir hockt sich hin und kippt seine Schuhe aus. Gute Idee, denke ich mir, auch wenn ich solche Unterbrechungen nicht so gerne mag. Kurz danach aber die große Erleichterung: Meine Füße sind überhaupt nicht angeschwollen, da war einfach nur irre viel Sand in Schuhen und Strümpfen. Meine Zehen haben wieder Platz. Ich laufe weiter, erreiche den Checkpoint bei Kilometer 50, also genau der Halbzeit des Rennens. Ich setze mich hin, freue mich, dass es Cola gibt, trinke viel davon, esse außerdem ein paar Nüsse, unterhalte mich eine Weile mit einem der wahnsinnig netten Helfern, lasse mir noch Wasser ins Gesicht und in den Nacken spritzen und dann geht es weiter.

Weiter in den und durch den Sand. Mehr Sand, als ich dachte, ich hatte mir Bilder vom letzten Mal angeschaut, offenbar standen die Fotografen verhältnismäßig oft auf Pisten statt im tiefen Sand. Ständig setze ich mich hin, kippe den feinen Sand aus meinen Schuhen, ziehe die Socken aus, um auch gefühlt kiloweise Wüstensand aus diesen zu schütten. Verfluche die Entscheidung, nicht die richtigen Wüstengamaschen zu tragen, die die Füße komplett bedecken. Auf den Fotos des Vorjahres hatte kaum jemand welche an. Als ich mich daran orientiert habe, wusste ich noch nicht, dass diejenigen Läufer, die dieses Jahr zum zweiten Mal hier am Start sind, aus den Erfahrungen des Vorjahres gelernt haben und diesmal sämtlich vernünftige Gamaschen trugen. Beim nächsten Mal, ihr wisst schon!

Jetzt aber sind die Bedingungen so, wie sie sind, und damit muss ich klarkommen.

Ich freue mich auf den Checkpoint bei Kilometer 65. Nicht nur, weil ich weiß, dass es danach nur noch 35 Kilometer sind, sondern ein Blick auf die Streckenbeschreibung hat mir verraten, dass danach eine ganze Weile der Boden etwas fester sein wird. Außerdem laufe ich dann in die Dämmerung und es wird kühler. Fein, ich freue mich.

Am Checkpoint wasche ich meine Füße, schütze ein paar geschundene Zehen mit Tape und ziehe das zweite Paar Socken an. Bereite mich mit Stirnlampe und Leuchtlicht für hinten auf die hereinbrechende Nacht vor, und laufe weiter. Bald gibt es fast zehn Kilometer auf einer Straße, ich laufe und laufe und freue mich, wieder etwas von der Stelle zu kommen.

Dann geht es ab von der Straße auf eine kleine sandige Piste. Ich laufe inzwischen in völliger Finsternis. Ich weiß, dass ich relativ nahe an die algerische Grenze laufe, Amir hatte beim Briefing erwähnt, dass es in dieser Umgebung sein könne, dass unsere Handys ein algerisches Netz finden. Er hat uns aber beruhigt: „Don´t worry, it is extremely unlikely, that you run through to Algeria.” Na dann, wäre das ja geklärt…

Aber jetzt passiert trotzdem etwas Seltsames. Neben mir in der Dunkelheit höre ich plötzlich Tiere. Laut und unheimlich. Irgendetwas zwischen Seufzen und Schreien, aber so laut, dass es wirklich große Tiere sein müssen. Es ist unheimlich, ich traue mich nicht, mit meiner Stirnlampe in die Dunkelheit zu leuchten, wer weiß, welche Monster ich damit aufschrecke?

Da, in der Ferne leuchtet etwas, das muss der letzte Checkpoint sein! Kurz vorher sehe ich im Licht des Checkpoints, dass die „Monster“ einfach nur Dromedare sind. Viele Dromedare, ganz viele. Schlafende Dromedare machen ziemlich komische Geräusche, wieder was gelernt.

Ich erreiche bei Kilometer 80 den Checkpoint. Erschöpft, aber nun mit der Gewissheit, dass es nicht mehr so weit ist, wenn ich mich hier gleich wieder auf den Weg mache. Ich setze mich hin, bekomme Cola und Riegel, ein Arzt kommt, fragt, ob ich in Ordnung bin, misst meinen Blutdruck, nickt zufrieden und sagt, ich sei in einer guten Verfassung. Ich muss lachen, aber gut, den Umständen entsprechend bin ich tatsächlich noch ok. Also mache ich mich wieder auf den Weg.

Ausgerechnet jetzt macht der Akku meiner Uhr schlapp, bis Kilometer 90 weiß ich, wie weit ich bin, danach muss ich es schätzen. Ich kann gerade aber gar nichts mehr schätzen. Es zieht sich, immer wieder spähe ich in die Ferne, hoffe, dort Lichter zu sehen.  Es ist hart, es ist anstrengend, aber ich denke die ganze Zeit daran, wie ich im Mai durch das australische Outback gelaufen bin, wie hart das war – und dass ich es geschafft habe. Und so ist auch hier, in dieser Situation, klar, dass ich nicht aufgeben werde.

Meine Schuhe sind wieder voller Sand, lange hadere ich mit mir, ob ich nicht bis zum Ziel durchlaufen kann, aber meine wunden Zehen schmerzen im zu engen Schuh. Ich setze mich auf den Boden, vollziehe das übliche Procedere. Drei Tunesier laufen von hinten auf, der eine warnt mich, in dieser Gegend gebe es viele Skorpione, gerade jetzt in der Dunkelheit solle ich aufpassen. Er wartet, bis ich wieder aufgestanden bin, schließt erst danach zu seinen Freunden auf. Diese Kameradschaft ist es, die ich bei diesen Rennen so liebe.

Ich muss die drei ziehen lassen, trabe sehr langsam weiter. Müde bin ich inzwischen, wohl auch etwas unkonzentriert, ich stolpere, ermahne mich, besser aufzupassen. Es ist Mitternacht, ich bin seit 17 Stunden unterwegs. Ein Jeep kommt von hinten, hält an, jemand ruft etwas. Ich laufe weiter. Der Jeep hält wieder hinter mir, nun kommt eine lautere und strengere Frage: „Do you understand English?“ Was will der denn jetzt, frage ich mich? Ich drehe mich um, stehe vor einem Polizisten, der mir erklärt, dass ich falsch bin. Wie bitte??? Das kann der doch nicht ernst meinen! Doch, er bleibt dabei, und um seine Worte zu bekräftigen, zeigt er auf einen in der Ferne leicht parallel, sich aber auch etwas weg bewegenden Weg, auf dem ich kleine Lichttupfer sehe. Das sind dann wohl die Läufer, die eben noch hinter mir waren. Nein, nein, nein! Ich bin verzweifelt, kann es nicht fassen. Nützt aber nichts, es geht zurück auf den richtigen Weg, ich bin wütend auf mich und meine Unachtsamkeit, bin dankbar, dass der Polizist mich so früh zurück „gepfiffen“ hat. Am nächsten Tag erfahre ich, dass es mein lieber Freund Giuseppe di Rosa war, der in der Ferne mein Licht auf dem falschen Weg gesehen und mir den Polizisten hinterher geschickt hat. Glück im Unglück, wer weiß, wann ich das sonst gemerkt hätte!

Ich muss mich nicht lange über mich ärgern, bald schon höre ich Geräusche, höre den Jubel, weil offenbar gerade Läufer ins Ziel gekommen sind. Es ist nicht mehr weit, also los! Ich nehme alle meine Kräfte zusammen und trabe weiter. Dann sehe ich ihn, den Start- und Zielbogen, wo vor knapp 17,5 Stunden mein langer Lauf durch die Wüste begann. Was für eine Reise!

Ich sehe Amir, er feuert mich an, hängt mir meine Medaille um den Hals, fragt, was ich essen möchte, zieht los, um es zu holen. Ahmed, der nette Volunteer, der sich erst an dritten, später dann nochmal am fünften Checkpoint so rührend um mich gekümmert hat, kommt, gratuliert mir, führt mich in das Zelt, in dem die Finisher auf Teppichen liegen und auf den nächsten Bus zum Hotel warten. Ich lasse mich fallen, stehe aber nochmal auf, brauche doch schließlich noch ein Finisherfoto.

Dann sitze und liege ich im Zelt, versuche, ein Sandwich zu essen, kann es nicht richtig, bin erschöpft, aber unendlich glücklich. Unterhalte mich mit anderen Läufern, habe den Kopf voller Bilder und Emotionen des langen Tages. Irgendwann kommt der Bus, bringt uns ins Hotel in Tozeur, erleichtert steige ich unter die Dusche und gehe um 4 Uhr morgens, genau 24 Stunden, nachdem ich aufgestanden und auf diese lange Reise durch die Sahara gestartet bin, glücklich ins Bett.

Am nächsten Tag feiern wir einander, entspannen, ich freue mich wahnsinnig für Judith, die hier in ihrem ersten Wüstenrennen auf den grandiosen dritten Platz gerannt ist, was für eine Leistung!

Der Marokkaner Rachid Elmorabity hat das Rennen in 8:21:29 Stunden mit Streckenrekord gewonnen, bei den Frauen gewann Bouchra Lundgren Eriksen in starken 11:50:54 Stunden. Ich habe immerhin als 7. Frau gefinisht, was mich riesig freut.

Aber wie immer denke ich  auch hier: Was für eine Leistung hat jede/r Einzelne hier erbracht! Und wie mutig war jede/r Einzelne, sich zu trauen, hier am Start zu sein!

Neben der Einzelwertung gab es auch einige Teams, und ich freue mich, dass ich gemeinsam mit Saoud Manal, Rajeb Lacheb, Stéphane Allain und Sébastien Cantero im Team „Les lions de l´Atlas“ für eine lokale Charity-Aktion an den Start gehen durfte. Wir sind für AKCC Tozeur, eine Organisation, die Krebspatienten in Tozeur, unserem Startort, unterstützt, u.a. dadurch, dass sie ihnen die Reise nach Tunis ermöglicht, wo sie behandelt werden. Einen feinen Scheck durften wir am Tag nach dem Rennen übergeben.

In den Tagen danach habe ich so viele Bilder im Kopf, nicht nur vom Rennen und all den Eindrücken während dieser knapp 17,5 Stunden, sondern auch von den Tagen zuvor, in denen ich viel vom Land gesehen habe, unendlich freundliche Menschen kennengelernt und Überraschungen erlebt habe. Vielleicht schreibe ich demnächst in diesem Blog einmal einen Bericht, der fast gar nicht vom Laufen, sondern von einer Reise in ein mitunter kompliziertes, aber aufregendes und freundliches Land handelt. Ich danke dem Tunesischen Fremdenverkehrsamt ganz herzlich für die Einladung, mich in dieses Abenteuer zu stürzen!

Fotos: privat, Stéphane Allain, Andrea Philipp, Gérald Verniers/Ultra Mirage

 

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