Abenteuer in der Wüste: Ultra Mirage El Djerid

Ich hatte mir vorgenommen, einfach die ganze Zeit glücklich und dankbar dafür zu sein, dass ich in diesem unguten Jahr 2020 wider Erwarten doch noch in die Wüste und dort laufen darf. So weit die Theorie. In der Praxis habe ich gelitten, geflucht und geschrien – und war dann doch so irrsinnig glücklich, ins Ziel zu laufen bei der vierten Ausgabe des Ultra Mirage El Djerid.

Doch von Anfang an. Eine Reise nach Tunesien in Zeiten von Corona? Ich war mir unsicher, habe hin und her überlegt. Auch stand lange Zeit in den Sternen, ob unsere Pressereise überhaupt stattfinden kann. Eingeladen vom Tunesischen Fremdenverkehrsamt sollte unsere Reise einerseits natürlich in die Sahara, zu dem 100-Kilometer-Rennen, das ich vor einem Jahr schon finishen konnte, führen, uns andererseits aber auch das Hygienekonzept im Land demonstrieren, zeigen, dass Touristen ohne große Bedenken ins Land reisen können.

Mit einem negativen Corona-Test im Gepäck (notwendig, da wir aus Deutschland einreisten, einem Land, das aufgrund steigender Fallzahlen als „orange“ eingestuft war) kamen wir in Tunis an: Vier Verrückte, die durch die Wüste rennen und darüber schreiben wollen, zwei Reisebloggerinnen, die sich während des Rennens noch als wunderbare Cheerleader inklusive Palmenwedel entpuppen sollten und, wie bereits im Vorjahr, Andrea Philippi als Organisatorin der Reise, die uns zugleich immer wieder mit verschiedensten Menschen vor Ort in Verbindung und ins Gespräch brachte, uns in entlegene Ecken und Winkel führte und die Reise zu einem unglaublich intensiven Erlebnis machte.

Drei Tage lang durften wir erst einmal ankommen, uns akklimatisieren im Norden Tunesiens, wo es so viel wärmer ist als zuhause und doch noch nicht so heiß wie wenig später in der Wüste. Zwei Dinge werden uns schnell klar: Tunesien nimmt die Gefahr, die von Corona ausgeht, sehr ernst und es hat einen Grund, dass die Fallzahlen den Sommer über so niedrig waren (inzwischen allerdings doch leider, wie überall, wieder ansteigen) und, zweitens, das Land und vor allem seine Tourismusbranche sind tief getroffen von den Auswirkungen der Pandemie. Außer uns ist nur eine Handvoll Gäste im riesigen und schicken Hotel Laico in Tunis. Wir kommen uns ein bisschen vor wie in Stephen King´s „Shining“ und abends erwarte ich fast ein bisschen, dass mir gleich Jack Nicholson mit irrem Blick im einsamen Hotelflur entgegenkommt; und sich wundern würde, dass ich eine Maske trage.

Wenn wir Hotels betreten möchten, wird als erstes unsere Temperatur gemessen und wir bekommen Desinfektionsmittel in die Hände gesprüht, sonst kommen wir gar nicht hinein. Unsere Taschen werden desinfiziert, ohne Maske geht es ohnehin nicht. Beim Frühstücksbuffet werden uns die Dinge gereicht, wir nehmen nichts selbst. Die Maßnahmen werden strenger kontrolliert als ich es aus vielen Hotels hierzulande kenne, wir sind allerdings auch nur in wirklich guten Hotels unterwegs. Jedenfalls: Ich fühle mich sicher, sehr viel sicherer als jeden Morgen in der Münchner S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit.

Die Tage im Norden sind wunderbar, eine willkommene Auszeit in all dem Wahnsinn des Jahres 2020. Als ich im Bus sitze und in die Landschaft schaue in freudiger Erwartung, was der Tag alles bringen mag, erlebe ich dieses Glücksgefühl, das ich auf Reisen habe, das ich so liebe und so vermisst habe. Wir schauen uns die Ausgrabungsstätten in Karthago, die wunderschöne weiß-blaue mediterrane Küstenstadt Sidi Bou Said und die Medina in Hammamet an.

 

Wir baden im Meer und in den Pools zweier ausgezeichneter 5-Sterne Hotels, die uns freundlicherweise dazu und zu einem feinen Mittagessen eingeladen haben: Das La Badira in Hammamet ist das erste Hotel in Tunesien, in dem sowohl eine Frau Hotel-Managerin als auch Besitzerin ist.  Und am Pool mit direktem Blick ans Meer wähnt man sich im Paradies…

Das The Residence Tunis präsentiert uns sein Projekt „The Earth Basket“: Das Hotel produziert u.a. eigenes Olivenöl aus lokalen Ernten und baut im Resort Bio-Gemüse an, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern und den Gästen frische und regionale Produkte zu servieren. Das gefällt mir.

Im Meer baden wir auch noch, und überhaupt lässt es sich hier ganz wunderbar vor einem Rennen in der Wüste entspannen und ich frage mich zwischendurch, ob ich wirklich 100 Kilometer laufen oder nicht lieber im Spa-Bereich bleiben möchte.

Aber natürlich frage ich mich das nicht ernsthaft und voller Vorfreude steige ich am Donnerstagmorgen in den Flieger, der uns von Tunis nach Djerba bringt. Von der geht es mit der Fähre aufs Festland, dann fahren wir Richtung Westen und nähern uns dabei langsam immer mehr der Wüste an. Im Bergdorf Toujene halten wir kurz an und trinken einen Kaffee, wenig später der nächste Stopp in Matmata bei einem der hier traditionell in die Erde gebauten Häuser, wo wir wie schon im Vorjahr zwei Frauen besuchen, die hier in den in den Lehmboden gegrabenen und durch einen Innenhof zugänglichen Räumen wohnen. Große Freude, als sie Judith und mich tatsächlich wiedererkennen und strahlend auf uns zugelaufen kommen.

Wir trinken Tee und essen das einfache, aber so schmackhafte Brot, das hier in Olivenöl mit Honig getunkt wird, ich kaufe eine handgemachte kleine Tasche, dann geht es weiter. Im Berberdorf Tamezret essen wir zu Mittag, dann fahren wir weiter Richtung Douz, der Stadt, die das „Tor zur Wüste“ genannt wird. Hier beginnt die Sahara. Glücklich gehe ich barfuß die ersten Schritte im Wüstensand.

Bald erreichen wir den magisch anmutenden Chott el-Djerid, der Wüste mit der hart getrockneten Salzdecke, in der es im flirrenden Licht immer wieder zu Fata Morganas kommt. Karl May-Leser kennen den Chott el-Djerid außerdem aus dem Roman „Durch die Wüste“ und wissen, dass die Härte der Salzkruste eine gefährliche Illusion sein kann und hier früher ganze Karawanen versunken sind.

Wir gelangen auf einer sicheren Asphaltstraße in die Oasenstadt Tozeur und hier in das Golden Yasmin Hotel, dem Basis-Ort des Rennens. Es gibt ein freudiges und aufgeregtes Wiedersehen mit sehr vielen Läuferinnen und Läufern, die wir schon aus dem Vorjahr kennen. Alles wie immer? Nein, es gibt einen entscheidenden Unterschied: Sind wir uns im Vorjahr alle glücklich um den Hals gefallen, bleibt in diesem Corona-Jahr selbstverständlich alles auf Abstand. Und mit Mundschutz. Es ist anders, sehr anders. Und trotzdem ist es schön, die vom letzten Jahr vertrauten Gesichter über dem Mund-Nasen-Schutz zumindest halb zu sehen, die Aufregung vor dem großen Event zu spüren. Amir Ben-Gacem, der Renndirektor, berichtet uns mit müden Augen von Gesprächen in der Woche des Rennens, die nötig geworden waren durch die Verschärfung der Hygieneregeln in Tunesien: Die endgültige Genehmigung, das Rennen in der beabsichtigten Form durchzuführen, habe er erst in diesen Tage erhalten. 2020, das Jahr der Ungewissheiten, in jeglicher Hinsicht.

Am nächsten Morgen erkunden wir zunächst die Medina von Tozeur und lassen uns dann von einem sehr freundlichen und sehr stolzen Mann der Wüste zeigen, wie er die charakteristischen Lehmziegel herstellt, aus denen die gesamte Stadt Tozeur gebaut ist.

Danach geht es zur in strengen Zeitfenstern und mit viel Abstand durchgeführten Startnummernausgabe. Da es in diesem Jahr nicht gestattet ist, dass der Veranstalter an den Checkpoints Lebensmittel ausgibt, bekommen wir einen großen Sack mit allerlei Keksen und Kuchen, zahlreichen Dattelriegeln und – wir sind schließlich in einer Stadt, die genau dafür berühmt ist – ein Kilogramm Datteln. Ein. Kilogramm. Datteln. Ich mag Datteln, auch als Rennverpflegung, aber als ich das alles entgegennehme, ist mir schnell klar, dass ich nur einen Bruchteil davon morgen früh mit auf die Strecke nehmen kann. Immerhin bekommen wir eine Tasche, die wir nach 50 Kilometern ausgehändigt bekommen und in die wir nun erstmal ganz viel hineinpacken können für die zweite Rennhälfte.

Obwohl wir vier Läufer gar nicht so recht den Kopf dafür frei haben, sind wir danach im mitten in der Wüste gelegenen 5-Sterne-Hotel Anantara Tozeur zum Mittagessen eingeladen. Das Hotel ist beeindruckend (die Präsidentensuite kann ich mir eher nicht leisten, dies nur am Rande bemerkt 😉), das Essen ganz wunderbar, der Manager berichtet von eigenen vergangenen Läufen. Alles ist schön, aber wir werden nervös.

Am späten Nachmittag finde ich dann endlich Zeit, mir in Ruhe die auf Facebook geteilten virtuellen Race Briefings des Renndirektors, die in diesem Jahr genügen müssen, anzusehen und meinen Laufrucksack für den nächsten Morgen zu packen. Abendessen, versuchsweise früh ins Bett, um natürlich nicht schlafen zu können. Um 4 Uhr klingelt der Wecker, um 5 Uhr geht es los.

Start ist in bei Nefta, an der berühmten Star Wars-Kulisse mitten in der Wüste. Für Robin und Christian geht es direkt um 6 Uhr auf die Strecke, Judith und ich müssen noch vierzig Minuten warten.

    

Immer 25 Läuferinnen und Läufer dürfen gemeinsam starten, werden mit Abstand im Startblock platziert. Die Maske darf erst abgenommen werden, nachdem wir die Startlinie überquert haben.

Trotz dieser Einschränkungen ist die Stimmung super, wie im Vorjahr singen und tanzen tunesische Läufer. Ich bin aufgeregt, auch etwas unsicher, schließlich bin ich angesichts all der ausgefallenen Wettkämpfe bei weitem nicht so gut vorbereitet wie im Vorjahr. Aber diese Ungewissheit gehört bei einem derartigen Laufabenteuer dazu, so viel kann passieren bei einem Lauf, der einer Reise ähnelt. Für mich sollte es eine weite Reise werden bzw. eine Reise, die lange gedauert hat.

Dann geht es los, von zehn heruntergezählt und ab in die Wüste. Judith sprintet gemeinsam mit der Vorjahressiegerin Bouchra vorneweg, eine kleine Weile sehe ich die beiden noch, dann sind sie im Morgenlicht der Wüste verschwunden. Ich trabe langsam vor mich hin, weiß, dass es für mich heute vor allem darauf ankommen wird, mir die Kräfte einzuteilen. Ein kurze schnellere Passage lege ich ein, als nach etwa zehn Kilometern Andrea, Beatrice und Katharina an der Strecke sind, um mich anzufeuern, und unser Fahrer es sich nicht nehmen lässt, eine Weile mit mir zu laufen, um mich zu motivieren.

Zwar bin ich überglücklich, hier zu sein, in der Sahara laufen zu dürfen, doch sehr schnell merke ich, dass das hier heute ein ziemlicher Kampf wird. Meine Beine sind schwer, ich weiß nicht recht, wovon. Das Klettband, das meine Gamaschen an den Schuhen halten soll, löst sich schon bei Kilometer 15. Ich hatte es aus Zeitmangel und weil so lange nicht klar war, ob ich überhaupt reisen darf, nicht mehr von einem Profi annähen lassen, sondern nur selbst angeklebt und darauf gehofft, dass es diesen einen Tag schon halten wird. Tut es nicht, lerne ich schnell. Nur ist die Sahara kein guter Ort, dies zu lernen. Genervt schmeiße ich die Gamaschen bei Kilometer 25 in einen der Säcke, mit denen unsere Strecke markiert ist. Immerhin, nun kommt wieder mehr Luft an meine ohnehin heißen Füße. Leider auch kiloweise Sand. Irgendwas ist immer.

Aber für die Landschaft, für diese Stille in der Wüste ist es das alles wert:

Bei Kilometer 31 soll es in diesem Jahr einen zusätzlichen Wasserpunkt geben, auf den ich mich sehr freue, schon gute zwei Kilometer vorher habe ich meine Flaschen leer getrunken. Dumm nur, dass der Jeep, der dort steht und auf den ich sehr durstig zulaufe, kein Wasser mehr hat. Der Fahrer zuckt die Schultern. „No water, sorry!“ Ich kann es nicht fassen. Hallo, ich laufe durch die Wüste, verlasse mich darauf, dass ich Wasser bekomme und du sagst mir, dass es leider schon alle ist??? Wutentbrannt renne ich weiter, zwar sind es nur fünf Kilometer bis zum offiziellen Checkpoint, aber ich bin doch schon so durstig. Um mich herum laufen mehrere Tunesier, denen es ähnlich geht.

Dann höre ich hinter mir eine Stimme: „Hey, Andrea, good to see you!“ Michael aus Großbritannien, den ich aus dem Vorjahr kenne, schließt zu mir auf. Als ich ihm von meinem Durst berichte, nimmt er völlig selbstverständlich seinen Rucksack ab und schüttet Wasser aus seiner riesigen Trinkblase in meine Flasche, danach in die Flasche von Seif, einem 50-Kilometer-Läufer aus Djerba. Ich erzähle in der nächsten Stunde jedem, dass Michael mich gerettet hat, er findet das selbstverständlich. Das ist der Spirit in dieser Art von Rennen!

Wir laufen und marschieren eine ganze Weile gemeinsam weiter, Michael erzählt mir seine unglaublich spannende Familiengeschichte, die ich mir am liebsten komplett notieren würde, nur laufe ich ja gerade durch die Wüste, da geht das nicht so gut. Er ist jedenfalls direkter Nachfahre von Nachum Sokolow, Schriftsteller und Präsident der Zionistischen Weltorganisation, sein Vater war bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu Besuch in Polen, konnte nicht rechtzeitig zurückkehren und geriet in deutsche Zwangsarbeitslager. Da läufst du durch die Sahara und jemand erzählt dir Lebensgeschichten, die genau aus deinen eigenen Forschungen zu stammen scheinen. Verrückt. Noch viel mehr berichtet Michael mir, bis wir irgendwann beschließen, dass es jetzt schlauer wäre, Puste und Kräfte zu sparen. Außerdem sehen wir in der Ferne gerade eine Herde Dromedare, auch die gilt es zu bestaunen.

Der Wind wird stärker. Als wir nach den in der Rennbeschreibung so genannten „Sechs Kilometer des Todes“, die aber in diesem Jahr gar nicht so schlimm sind, die Richtung wechseln, kommt er von vorn. Und das bleibt auch so. Lange, sehr lange.

Bei Kilometer 50 ist ein größerer Checkpoint, an unsere Dropbags liegen. Beim Betreten der Checkpoints müssen wir den MNS aufsetzen und unsere Hände desinfizieren, dann können wir uns einen Platz suchen, um etwas auszuruhen, uns zu verpflegen und in diesem Fall auch die Verpflegung für die zweite Rennhälfte und die Stirnlampe in den Laufrucksack zu packen.

Jemand bringt mir netterweise einen Stuhl. Ich schaue hoch und erkenne Ahmed, der mir schon im Vorjahr an zwei Checkpoints so geholfen hat. Ich freue mich. Er meint trocken: „Du bist zurückgekommen. Du magst Folter!“ Meine Leidenschaft für Ultraläufe in der Wüste mal anders erklärt…

Gemeinsam mit Michael, der dann später leider aussteigt, mache ich mich wieder auf den Weg. Und nun wird es 15 Kilometer lang richtig fies. Dünen mit tiefem, lockeren Sand, in den ich bei jedem Schritt einsinke, dazu der Gegenwind, der immer stärker wird, mir den Sand ins Gesicht bläst und vor allem die Anstrengung, vorwärts zu kommen, immens vergrößert. Ich fluche. Ich schreie.

Eine Zeit lang läuft ein junger Tunesier neben mir her, wir unterhalten uns kurz. Er meint trocken: „Du bist aus Deutschland. Das Problem ist, du kannst gar nicht im Wüstensand trainieren.“ Endlich klärt mich mal jemand auf, warum das hier so hart ist! Ich lehne mich weiter gegen den Wind, überlege, wann ich mich das nächste Mal hinsetzen muss, um Sand aus den Schuhen zu kippen.

Bei Kilometer 60 überqueren wir eine Straße, hier steht wieder ein Jeep, der uns mit zusätzlichem Wasser versorgt. Ich nutze die Gelegenheit, um meine Schuhe zu entsanden. Schwerfällig stehe ich wieder auf, mache dabei offenbar eine unglückliche Bewegung – und zack, tut es weh. Mein rechtes hinteres Bein schmerzt, es zieht in der Kniekehle, ich kann kaum auftreten. Panik! Wenn ich in den Tempo weiter durch den Sand humple, dann kann ich ein Finish vergessen. 40 Kilometer sind lang, wenn man gar nicht von der Stelle kommt.

Tränen schießen mir in die Augen. Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein??? Muss ich beim nächsten Checkpoint aus dem Rennen? Ich will das nicht. Ich werde wütend und schreie mich an. Ich will dieses Rennen hier finishen, ich hatte mir vorgenommen, so dankbar zu sein, hier sein zu dürfen, und nun jammere ich rum. Ich rede mit mir selbst, überzeuge mich davon, wie wichtig es mir ist, hier und heute in der Wüste ins Ziel zu kommen. Nach einigen Minuten lässt der Schmerz im Bein nach. Er wird in den nächsten Stunden immer dann zurückkehren, wenn ich kurz gesessen habe, aber nach einer Weile erträglich sein. Das weiß ich jetzt noch nicht, aber halbwegs erleichtert trabe ich weiter.

Am Checkpoint setze ich mich erschöpft hin und schaue offenbar nicht besonders glücklich in die Gegend. Eine supernette Helferin umsorgt mich, redet auf mich ein, dass ich nun schon so weit bin, dass ich den Rest jetzt auch noch schaffe. Viele seien schon ausgestiegen, die Bedingungen seien irre hart heute, aber ich habe noch genügend Zeit, ich schaffe das. Sagt sie. Ich nicke, setze meine Stirnlampe auf den Kopf, ein Helfer befestigt den nun aus Sicherheitsgründen notwendigen Leuchtstab hinten an meinem Rucksack, dann setze ich mich schwerfällig wieder in Bewegung, laufe in die beginnende Dämmerung. Die ersten Schritte schmerzen, dann wird es besser.

Mehrere Blasen machen mir nun zu schaffen, aber das kenne ich, da muss ich jetzt durch. Drei Kilometer noch durch den Sand, dann kommen zwölf Kilometer auf einer Straße, daran erinnere ich mich gut vom letzten Jahr. Der seltsame Moment, wenn man sich nach 68 Kilometern Wüste sehr darüber freut, auf Asphalt zu laufen… In einer Mischung aus marschieren und laufen komme ich weiter. Eine Blase platzt auf, dann noch eine. Egal, weiter! Irgendwann geht es wieder von der Straße ab, es wird wieder sandig, ich sinke ein, fluche, weiß aber auch, dass ich gleich den letzten Checkpoint bei Kilometer 80 erreicht habe. Wieder setze ich mich, schütte Sand aus Schuhen und Strümpfen, ignoriere ansonsten meine Füße, esse ein paar Datteln.

Die ersten paar Meter nach dem Aufstehen sind wieder schlimm, ich humple los, auf in den „Endspurt“. Lustiges Wort für das, was ich da jetzt mache… Ich erinnere mich gut daran, wie sehr sich diese letzten 20 Kilometer ziehen, inzwischen ist auch klar, dass ich langsamer sein werde als 2019. Aber ich werde es schaffen, davon bin ich nun, anders als noch 20 Kilometer früher, überzeugt. Es tut weh, es ist hart, aber ich rede mit mir selbst, sage mir immer wieder, dass es doch besser ist, jetzt ein paar Stunden vor mir zu haben, die richtig hart sind, statt mich die nächsten Wochen oder Monate immer wieder über mich selbst zu ärgern, weil ich aufgegeben habe.

Ich denke an THE TRACK in Australien, stelle mir vor, wie ich im Mai 2019 scheinbar endlos durch das Outback gelaufen bin, und wie ich es geschafft habe. Ich denke an all die Läufe, bei denen ich vermutlich ähnlich gelitten habe wie jetzt. Aber mit der Erinnerung ist das ja so eine Sache, der bei Marathons so gern verwendete Spruch „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt“ stimmt ja tatsächlich: Du weißt zwar noch, dass es weh tat, dass du kämpfen musstest, aber die damit verbundenen Empfindungen verblassen mit der Zeit. Die vielen grandiosen Erinnerungen an diese Rennen, die haben dagegen Bestand. Also musste ich definitiv schon mal so kämpfen wie jetzt und habe es geschafft, mehrfach sogar. Das sage ich mir jetzt in dieser schwierigen Phase. Rede auf mich ein, stelle mir wieder und wieder den Zieleinlauf vor, stelle mir vor, wie glücklich ich sehr bald sein werde, wenn ich es geschafft habe. Der Kopf trägt den Körper ins Ziel, anders geht es jetzt nicht mehr.

Zwischendurch kommen mir wieder die Tränen, weil das Ziel einfach nicht kommt bzw. ich gefühlt nicht zum Ziel komme. Wie auf der letzten, 137 Kilometer langen, Etappe in Australien fange ich an, darüber zu philosophieren, dass Zeit ja immer vergeht, immer und immer, auch, wenn es mir jetzt gerade überhaupt nicht so vorkommt. Und da die Zeit auch jetzt einfach vergeht, werde ich auch irgendwann im Ziel sein. So einfach ist das. Klingt vollkommen logisch, wenn man halb weinend, halb wütend und sehr erschöpft durch die stockdunkle Wüste trabt…

Da! In der Ferne sehe ich Licht, höre Geräusche. Das Ziel, das muss es sein. Meine Uhr zeigt schon 105 Kilometer, ich will jetzt auch bitte, bitte wirklich, dass das Ziel jetzt da ist. Ich sehe Lichter, Stirnlampen, höre jemand rufen und ankündigen, dass wieder ein Finisher kommt. Das bin ich! Ich bin die angekündigte Finisherin! Ich sehe das Ziel, laufe noch einmal so schnell, wie meine Füße das zulassen und laufe nach 18 Stunden und 31 Minuten durch den gelben Start- und Zielbogen, an dem am Morgen meine lange Reise durch die tunesische Sahara begonnen hat.

Amir gibt mir meine Medaille, gratuliert mir und erzählt mir hoch erfreut, dass Judith das Rennen gewonnen hat. Unglaublich! Die „Königin der Wüste“ und Hammer-Havers“, wie die BILD-Zeitung sie zwei Tage später nennen wird, ist nach 12:21:42 Stunden als erste Frau ins Ziel gelaufen. Amir berichtet mir auch, dass viele Läuferinnen und Läufer ausgestiegen sind, da die Bedingungen durch den Wind, der teilweise zum Sandsturm mutierte, so hart waren. In den nächsten anderthalb Stunden bis zum Cut Off kommen aber noch einige ins Ziel, am Ende finishen von 112 Startern 86 dieses harte 100-Kilometer-Rennen. Ich bin auf Platz 59 und als 12. Frau ins Ziel gekommen. Robin ist bei seinem ersten Wüstenrennen in unglaublichen 12:17:02 Stunden auf Rang 5 als erster Europäer ins Ziel gekommen. Wahnsinn! Christian musste leider bei Kilometer 50 vor allem aufgrund von Magen-Darm-Problemen aussteigen. Beim erstmals ausgetragenen 50-Kilometer-Rennen haben 74 von 99 Läufern das Ziel erreicht.

Mit einem Bus werden wir zurück ins Hotel gebracht, wo Andrea mitten in der Nacht tatsächlich noch auf mich wartet. Um 2.30 Uhr sinke ich an ihrem Tisch erschöpft auf ein Sofa und erzähle, wie es mir ergangen ist; bin müde, aber happy. Mehrere Helfer kommen inzwischen auch im Hotel an, kommen zu mir, freuen sich, dass ich es geschafft habe. Ich bin ihnen so dankbar, viele haben mich da draußen in der Wüste unterstützt. Ich humple ins Zimmer, verwandle den Boden beim Ausziehen ungewollt in einen Sandstrand, dusche und falle ins Bett. Ich bin erschöpft, zugleich habe ich so viele Bilder und Eindrücke im Kopf, dass ich nur unruhig schlafe. Aber das ist mir in dem Moment egal. Ich bin glücklich.

 

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Tunesischen Fremdenverkehrsamt für die Einladung zu dieser wunderbaren Pressereise!

Außerdem haben mich verschiedene Partner auch bei diesem Rennen unterstützt. Ich danke:

ASICS FrontRunner

Sziols Sportsglasses

SILVA Global

Gehwol

ATRO ProVita

Sunday Afternoons (Aerial Cap)

Fotos: privat, Beatrice Anton  von Reisezeilen  und Katharina Perlbach von So nah und so fern

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