Unglaubliche Landschaften, ein wahnsinniges Erlebnis, ein Abenteuer: der UTAT

Am Morgen nach dem UTAT danach sitze ich in Oukaimeden in der Sonne, warte auf den Bus, der uns zurück nach Marrakesch bringen soll und der bestimmt irgendwann kommt – „Inschallah“, so Gott will. Das ist auch bei uns deutschen Läufern rasch zum geflügelten Word geworden.

Ich starre in diese wunderbare Landschaft und kann kaum glauben, was ich hier die letzten Tage erlebt habe. Um mich wuseln viele Läufer herum, Händler versuchen in all dem Treiben ihre Ketten an den Mann bzw. die Frau zu bringen oder sie gegen gebrauchte Laufschuhe, ein sehr begehrtes Gut hier, zu tauschen. Ich bin entspannt, zufrieden und so happy, dass wir hergekommen sind.

Doch der Reihe nach: Angefangen hat alles mit begeisterten Berichten von Holger Lapp (Trampelpfadlauf) über den UTAT, den Ultra Trail Atlas Toubkal. Holger ist dort letztes Jahr die lange Distanz gelaufen, 105 Kilometer mit 6500 Höhenmetern. Bei mir reift der Gedanke, dass ich auch dorthin möchte, zumal ich in den letzten Jahren immer auf dem Flug nach Fuerteventura sehnsuchtsvoll auf diese marokkanischen Berge hinunter geschaut habe und dachte, dass ich da unbedingt mal hin möchte.

Pascal und ich beschließen im Laufe des Jahres, unseren Urlaub in Marokko zu verbringen und zwischen Marrakesch und Agadir eben auch einige Tage in Oukaimeden einzuplanen, Marokkos einzigem alpinem Skiort, dem Start- und Zielpunkt des UTAT. Wir melden uns für die Challenge an, bei der am ersten Tag ein Marathon mit 2500 Höhenmetern und am zweiten Tag 26 Kilometer mit 1400 Höhenmetern gelaufen werden.

Nach zwei spannenden Tagen in Marrakesch bringt uns ein Bus mit einiger Verspätung vom Flughafen nach Oukaimeden. Zeltübernachtungen wären im Startgeld inklusive gewesen, gegen Aufpreis ein Mehrbettzimmer in einer Hütte des französischen Alpenvereins. Wir gönnen uns aber den Luxus und übernachten in der einzigen Pension vor Ort, dem Chez Juju. Eine gute Entscheidung, wie sich schon am ersten Abend herausstellt: Es wird empfindlich kalt hier oben auf 2600 Metern Höhe. Beim Abendessen im großen Zelt, zubereitet und serviert von Berbern, frieren wir ziemlich. Ich bin dankbar für die bequeme und warme Übernachtung.

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Wir sind bereits zwei Tage vor dem Start vor Ort, eine weitere gute Entscheidung. Am Vortag des Marathons können wir so eine leichte Wanderung unternehmen und uns ein kleines bisschen an die Höhe gewöhnen. Die 3000 Meter-Marke erklimmen wir schon, psychologisch gut. Und außerdem ist schon diese kleine Tour ein Traum! Der Tag verläuft ruhig, wir registrieren uns und unsere recht umfangreiche Pflichtausrüstung wird kontrolliert, am Abend noch Briefing, Abendessen und ab ins Bett, der Wecker klingelt schließlich um 4 Uhr.

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Um 6 Uhr, es ist dunkel und kalt, laufen wir am nächsten Morgen los, gemeinsam mit den 105-Kilometer-Läufern, von denen sich unser Weg nach etwa 16 Kilometern trennt. Ich bin aufgeregt und freue mich – aber dann geht es los, mein Magen grummelt wie verrückt. Auf den ersten Kilometern, die stetig bergauf gehen, habe ich derartige Magenkrämpfe, dass wir bald recht weit hinten sind und ich eigentlich nur auf der Suche nach Büschen – gar nicht vorhanden – oder Felsen – spärlich und zu klein vorhanden – bin. Zum Glück mussten wir Medikamente gegen Durchfall in der Pflichtausrüstung dabei haben… irgendwann später wurde es besser.

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Den grandiosen Sonnenaufgang da oben in den Bergen kann ich zum Glück trotzdem genießen. Das Licht ist unglaublich, wir laufen der aufgehenden Sonne entgegen, überall um uns herum nur Berge im warmen Morgenlicht. Unglaublich, für diesen Blick hat sich schon alles gelohnt!

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Im Grunde hören die Aussichten in den kommenden Stunden niemals wirklich auf, spektakulär zu sein. Ein langer und harter Anstieg mit 1300 Höhenmetern am Stück, der noch durch die Höhe (wir kommen hier über 3100 Meter) erschwert wird, gerät durch die wunderbaren Blicke nie zur Qual. Ja, es ist anstrengend, sehr sogar. Und ja, ohne Magenprobleme wäre es leichter. Und ja, wenn wir uns nicht schon einmal verlaufen und aus dem Marathon einen Ultralauf gemacht hätten, wären wir schon weiter. Aber das Erlebnis ist zu gigantisch, als dass uns irgend etwas davon hier die Laune verderben würde.

Manchmal laufen wir durch kleine Berberdörfer, die Menschen sind freundlich, winken uns zu, die Stimmung ist durchweg gut. Die Häuser sind einfach, es ist spannend, hierher zu laufen. Manchmal auch etwas deprimierend: Da ist der freundliche Herr mit dem großen und vermutlich schweren Sack auf den Schultern, der uns bergauf immer wieder lachend überholt, uns vorbeigehen lässt, uns wieder überholt. Und so viel Spaß dabei hat. Oder die Kinder, die mit „Bonjour“-Rufen hinter uns herlaufen und sich – in einfachen Schlappen statt teuren Laufschuhen – einfach nicht abhängen lassen.

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Die Sonne brennt, aber es wird nie zu heiß. Trotzdem trinken, trinken, trinken wir. Die Luft ist trocken und essen kann ich kaum. Als wir kurz vor der zweiten und letzten Verpflegungsstelle nach einem langen Downhill unsere Wasservorräte aufgebraucht haben, finden wir für einen Moment die Wegmarkierungen nicht mehr und irren herum. Ein älterer Mann mit einem Esel beobachtet uns, versucht aus der Ferne, uns den Weg zu weisen. Als wir ihn nicht richtig verstehen, dreht er samt Esel um und führt uns zurück auf die richtige Route. Kurz danach erreichen wir die VP.

Hier werden wir von den Helferinnen und Helfern gefeiert und umsorgt. Wir stärken uns in Ruhe, durch meinen schlechten Start und das Verlaufen sind wir ohnehin ganz weit hinten, schon ewig unterwegs und ein Zeitlimit gibt es hier nicht mehr. Es gab eines an der ersten Verpflegung bei Kilometer 19, da sind wir durch. In Ruhe lassen wir uns erklären, was jetzt noch kommt. Es klingt nach einem wirklich anstrengenden Aufstieg, aber das packen wir jetzt auch noch.

Es zieht sich. Unterwegs holen wir jetzt noch einige Läufer ein, die sich immer wieder hinsetzen, eine Läuferin raunt uns zu, dass es einfach kein Ende nimmt. Stimmt, es ist hart. Wir sind langsam. Aber immer noch schaue ich immer wieder staunend in die Landschaft, bin so unendlich dankbar, dass ich das hier erleben darf. Und dieses intensive Gefühl macht einfach alle Qualen wett.

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(3 Fotos von Jean-Luc Fraissard, der an diesem Checkpoint als Helfer stand)

Oben angekommen jubeln uns zwei Helfer am Checkpoint zu: „Now you are Finisher!“ Denn jetzt geht es nur noch bergab, wir lassen rollen, laufen langsam, aber stetig in Richtung Ziel. Durchwaten noch sinnlos einen kleinen Fluss, weil wir denken, wir sind auf der falschen Seite des Wegs. Aber die nassen Füße sind kurz vor dem Ziel auch egal. Wir sind fertig, aber happy.

Kurz vor dem Abendessen erleben wir den Zieleinlauf des Siegers über die 105 Kilometer: Andy Symonds gewinnt in 13 Stunden und 41 Minuten vor Julien Chorier (14:20) und Lokalmatador Omar Bouhrim (15:32). Bei den Frauen gewann Andrea Huser (15:47) vor Franceska Canepa (19:34) und Geraldine Leroy (23:08). Viele, viele andere sind noch auf der Strecke, als wir schon längst wieder aufgestanden sind und uns für den zweiten Lauf fertig machen.

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Am nächsten Tag ist der Start erst um 9 Uhr, mit müden Beinen schleppen wir uns hin. Während wir ein kurzes Briefing über die heutige Strecke bekommen und auf den Start warten, sehen wir von weitem Oliver Binz kommen. Was für ein Timing! Der deutsche Ultraläufer, der schon zum dritten Mal auf die 105-Kilometer-Strecke gegangen und inzwischen der offizielle Ansprechpartner für die deutschsprachigen Teilnehmer ist, hatte unterwegs starke muskuläre Probleme, es war nicht sicher, ob er weiter kann. Und nun läuft er ausgerechnet in diesem Moment überglücklich ins Ziel. Wir feiern ihn gebührend.

Zunächst laufen wir den Schlussteil des Vortages in umgekehrter Reihenfolge. Das bedeutet nach einem Anstieg einen wahnsinnig tollen, langen Downhill. Als ich mich am Vortag mit müden Beinen hier hochgequält habe, konnte ich mir kaum vorstellen, hier hinunterzufetzen, viel zu technisch und schwer kam mir der Trail vor. Aber jetzt macht es einfach nur Spaß. Wir lassen laufen, können einige Läuferinnen und Läufer überholen, ich renne im Flow den Berg hinunter.

Nach dem ersten Checkpoint beginnt ein wieder etwas anderer, spannender Teil der Strecke. Wir laufen in leichtem Auf und Ab immer wieder auf Berberdörfer zu und dann in engen Gassen durch sie hindurch. Ich frage mich, ob hier jemals Touristen herkommen. Die Menschen beobachten uns, sind neugierig, grüßen, zeigen uns den Weg. Immer wieder klatschen wir Kinderhände ab, die sich uns entgegenstrecken.

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Zwischendurch erklingt aus einem Minarett der lautstarke Ruf des Muezzins. Mit dem islamischen Gebetsruf Adhan werden die Muslime fünfmal täglich zum Gebet in die Moschee gerufen. Es ist irgendwie irre, hier durch die Landschaft zu laufen, sich anzustrengen, auf den Trails unterwegs zu sein – und dann plötzlich diesen arabischen Ruf zu hören. Es sind diese vielfältigen Impressionen, die den Lauf so besonders machen, so von allem abheben, was ich bisher gelaufen bin.

Neun Kilometer vor dem Ziel werden wir noch einmal verpflegt. Ein Helfer gibt mir gefühlt literweise Cola, betont, dass es jetzt einen langen, langen, steilen Aufstieg gibt. Ich trinke brav, esse ein paar gesalzene Mandeln, dann machen wir uns auf den Weg. Sieben Kilometer hoch, dann die letzten knapp zwei runter, das ist die Ansage. Wieder verändert sich die Landschaft, es gibt Bäume und Wacholderbüsche, es wirkt ein bisschen, als hätte jemand die Natur hier in kräftigere Farben gehüllt.

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Nach einem langen Anstieg sehe ich irgendwann in weiter Ferne zwei kleine rote Punkte. Die Flaggen! Am Checkpoint hatte man uns erklärt, dass es so lange bergauf geht, bis wir durch die beiden marokkanischen Flaggen laufen – und dann nur noch bergab ins Ziel. Nun sehe ich also die Flaggen! Wahnsinn, was für eine Kraft uns das noch einmal gibt! Einen lang gezogenen Trail erklimmen wir jetzt nahezu mit links. Ich kann es kaum fassen: Gleich sind wir oben, dann rennen wir einfach nur noch den Berg hinunter und haben es geschafft!

Schon von weitem sehen wir jemanden oben stehen. Martin Schedler, der schon seit langem im Ziel ist – er hat die Challenge als Gesamtdritter gefinisht, genauso wie die schnelle Manishe Sina von Trampelpfadlauf (beiden an dieser Stelle noch mal ganz, ganz herzlichen Glückwunsch, Ihr seid der Wahnsinn!!!!), wartet hier oben auf seine Lebensgefährtin, die auch auf der 26-km-Strecke läuft. Fein für uns, wir werden noch ein letztes Mal angefeuert und Martin macht Fotos von uns.

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Und dann lassen wir laufen, sehen das Ziel schon längst, passen einfach nur auf, dass wir auf diesen letzten Metern nicht noch blöd stolpern. Am Ende biegen wir in die Straße ein, laufen auch am Chez Juju vorbei, wo uns von der Terrasse zugejubelt wird. Ich genieße die letzten Meter, laufe strahlend durch Oukaimeden. Und dann ins Ziel. Happy, so happy!

Bei der Siegerehrung bedanken sich die Veranstalter bei uns Läuferinnen und Läufern, dass wir gekommen sind, dass wir darauf vertraut haben, in Marokko sicher zu sein. Viele Franzosen hatten dieses Jahr abgesagt. Ich kann nur sagen, dass es keine Sekunde gab, in der ich mich nicht wohl, gar unsicher gefühlt hätte. Das Gegenteil war der Fall.

Ich bin so unendlich dankbar, dass ich in Marokko war und den UTAT gelaufen bin. Und wir möchten wieder hin. Es steht noch nicht fest, ob wir es schon nächstes Jahr wieder schaffen oder erst im übernächsten Jahr. Aber wir kommen wieder – Inschallah!

 

Infos unter:

http://www.atlas-trail.com/

Im Startgeld von 350 Euro (egal welche Distanz) sind der Bustransfer von/nach Marrakesch, vier Übernachtungen im Zelt, Halbpension und die liebevolle Betreuung enthalten.

Ihr Läuferinnen und Läufer, traut Euch!!!!

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