Vienna City Marathon: Vom Kampf gegen mich selbst

Das war anstrengend. Während ich den Marathon Deutsche Weinstraße vor zwei Wochen die ganze Zeit über, 42,195 Kilometer lang, genossen habe, war es gestern mitunter ein ziemlicher Kampf, Walzerklänge hin oder her. Der Vienna City Marathon stand am Wochenende auf dem Programm. Ich hatte vom Team ERDINGER alkoholfrei einen Startplatz bekommen, kurze Bedenken über die nur zwei Wochen kurze Regeneration zwischen zwei Marathons wischte ich beiseite angesichts der Aussicht, im traumhaft schönen Wien zu laufen.

Nach einer recht anstrengenden und hektischen Woche ging es am Samstag Morgen mit der Bahn nach Wien. Bei der Startnummernausgabe auf der Messe war ich angenehm überrascht: Das hatte ich angesichts von ungefähr 42.000 Startern chaotischer und voller erwartet, der Menschenandrang hielt sich in Grenzen. Ein echter Fauxpas seitens des Veranstalters war es allerdings, dass am Samstag Nachmittag bereits die Infohefte mit Streckenplan, Anfahrtsbeschreibungen etc. aus waren. Niemand wusste, woran das lag. Ich war dankbar für W-LAN im Hotel und habe abends alles online auf dem Smartphone nachgelesen. Ärgerlich fand ich es trotzdem.

ERDINGER alkoholfrei hatte sich diesmal für seine Teammitglieder etwas sehr Nettes ausgedacht: Verschiedene Treffen in den Tagen vor dem Marathon, eine Hospitality Zone mit Essen und Getränken nach dem Rennen und auch vor dem Start gab es einen Treffpunkt. Da einige von uns ähnliche Zeiten anstrebten, konnten wir gemeinsam warten, was bei einem solch großen Lauf wirklich nett ist. ERDINGER-Teammanagerin Wenke Kujala war als Pacemakerin für eine Zielzeit von 3 Stunden und 45 Minuten für uns mit dabei. Das war für mich ziemlich ambitioniert, meine bisherige Bestzeit war gute sechs Minuten langsamer, und das mit dem Marathon vor zwei Wochen in den Beinen. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt…

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Am Anfang lief alles bestens, wir waren etwas schneller als geplant unterwegs, doch ich fühlte mich gut und hatte keinerlei Probleme. Die kamen dann aber, ungefähr bei Kilometer 15 war es so weit. Mir war zu warm, mein Kreislauf fing an zu schwächeln, alles wurde schwer. Ein paar Minuten habe ich noch versucht, Wenkes Tempo mitzugehen, doch dann war klar, dass das heute nicht funktioniert. Die Beine wurden immer schwerer, ich lief langsamer und fühlte mich immer energieloser. Trank Gel, trank Wasser, trank Iso – nichts half so richtig. Und dann ging das Gedanken-Karussel los: Ich hatte doch gestern Abend gelernt, dass man einfach auch nach der halben Distanz aussteigen kann und dann kein DNF da stehen hat, sondern für den Halbmarathon gewertet wird. Einige Kilometer lang habe ich ganz ernsthaft darüber nachgedacht, das zu tun. Mein Kopf hatte alle möglichen rationalen Erklärungen dafür parat, jede einzelne für sich sehr überzeugend und so unglaublich vernünftig.

Ich kam der entscheidenden Stelle immer näher. Wie einfach das wäre, rechts abzubiegen und schön in Ruhe den Halbmarathon zu finishen. Aber Moment mal – kommt es nicht genau darauf an, den Willen zu haben, weiterzulaufen, auch wenn es schwer ist? Habe ich diesen Punkt nicht schon oft genug überwunden, um zu wissen, dass ich da jetzt durch muss? Außerdem ging mir durch den Kopf, wie sehr ich mich ärgern würde, wenn ich mich im Ziel erstmal einen Moment erholt hätte. Hey, extra nach Wien gefahren, um dann doch nicht den Marathon zu laufen? Bloß weil es mal etwas weh tut??? Nein, plötzlich war klar, dass das nicht in Frage kommt. Dann eben keine Bestzeit, was soll überhaupt diese ewige Jagd auf Bestzeiten? Ich lief weiter.

Und lief und lief und lief. Es blieb schwerer als noch vor zwei Wochen, aber es ging immer besser. Ich stellte mir einige der schönsten Laufmomente der letzten Wochen vor: die traumhaften Trails auf Mallorca und meinen Sieg beim kleinen Wild Forest Trail-Rennen. Es hilft ungemein, sich solche positiven Bilder ins Gedächtnis zu rufen, wenn es gerade weh tut. Dann fing es an zu regnen und wurde kühler, was für meinen Kreislauf eine Wohltat war. Und so lief ich einfach weiter, schaffte Kilometer um Kilometer und meine Zwischenzeiten waren gar nicht schlecht. Als ich mich dem Heldenplatz näherte und es nur noch wenige hundert Meter waren und klar war, dass ich finishen würde und das auch noch in Bestzeit, kamen mir kurz vor dem Zieleinlauf tatsächlich die Tränen. Aber für solche Momente läuft man doch schließlich auch, oder? In 3 Stunden, 48 Minuten und sieben Sekunden lief ich durch den Zielbogen. Mit irrsinnig schweren Beinen – aber stolz und sehr froh. Und mit Walzermusik im Kopf, die es immer wieder bei diesem Marathon zu hören gab, dessen Motto es war: „Alles Walzer“.

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