Running Happy

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Emotionen pur beim UTMB

UTMB – das Trailrunning-Festival der Superlative. Und ich mittendrin. Was alles hinter mir liegt: Wunderbare Begegnungen und traumhafte Landschaften, Aufregung, Euphorie, aber auch nachdenkliche und traurige Momente sowie allergrößte Anstrengung, Gedanken ans Scheitern und wieder einmal der Erfahrung, dass Grenzen verschiebbar sind, dass du immer noch etwas weiter kannst, als du denkst.

Das ist ganz schön viel für ein verlängertes Wochenende, und so fällt es mir auch gar nicht so leicht, dies alles in Worte zu fassen.

Ich bin angemeldet für den CCC: 101 Kilometer mit 6100 Höhenmetern. Ich habe großen Respekt, so viele Höhenmeter habe ich noch nie in einem Rennen bestritten. Zuletzt war ich viel in den Bergen unterwegs, habe Touren in meinem geliebten Pitztal gemacht und mich dadurch, so hoffe ich, auch etwas an die Höhe gewöhnt. Drei Wochen vor dem großen Event bin ich beim Allgäu Panorama Marathon die Ultradistanz gelaufen, immerhin 69 Kilometer mit gut 3000 Höhenmetern. Das war vor allem für den Kopf wichtig: Ich kann Ultra in den Bergen.

Aber das hier ist nochmal eine ganz andere Dimension. So lang, so hoch, so viel kann passieren. Voller Vorfreude und zugleich sehr nervös packe ich meine Pflichtausrüstung zusammen, am Mittwoch vor meinem Rennen fahren wir los. Da sind zwei der ganz langen Distanzen des UTMB® (utmbmontblanc.com) schon längst gestartet, der PTL (300 km mit 26.000 Höhenmetern) und der TDS (145 km mit 9100 Höhenmetern).

Am Morgen vor der Abfahrt dann die schlimme Nachricht: Beim TDS, einem sehr technischen Rennen, gab es in der Nacht einen Unfall, ein Läufer musste mit dem Hubschrauber geborgen werden, das Rennen wurde für alle dahinter liegenden Läuferinnen und Läufer abgebrochen. Wenig später bestätigt der Veranstalter die schlimmen Befürchtungen: Der tschechische Läufer ist verstorben.

Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, was dieses tragische Unglück bedeutet, für die gesamte Veranstaltung, aber auch für mich persönlich. Der Veranstalter entschiedet sich, dass die Rennen des UTMB fortgesetzt werden, und auch ich beschließe zu starten. Vor den Rennen gibt es Gedenkminuten für den Läufer, er und seine Familie sind immer wieder Thema in Gesprächen und auch vielen Posts der Läuferinnen und Läufer. Ich denke viel daran in diesen Tagen in Chamonix. Nein, wir sind nicht einfach darüber hinweggegangen, was da passiert ist. Trotzdem laufen wir weiter. Vielleicht schreibe ich an anderer Stelle einmal ausführlicher meine Gedanken dazu auf.

Die Atmosphäre beim UTMB

Den Vortag meines Rennens verbringe ich in Chamonix, sauge die Atmosphäre einer Stadt, die voller Trailläuferinnen und Trailläufer ist, in mich auf. Ich schlendere über die Messe, unterhalte mich mit netten Leuten von verschiedenen Firmen, hole dann – die Aufregung steigt – meine Startnummer ab. Mein Impfnachweis wird überprüft, natürlich ist Maskenpflicht. Ein kleines Mittagessen, dann gehen Pascal und ich zum Zielbogen. DER Zielbogen, schon auf unzähligen Bildern in den letzten Jahren gesehen… Wir warten auf Juliane und Christian, die schon heute auf der Strecke sind und beim OCC 56 Kilometer mit 3500 Höhenmetern unter die Füße nehmen. Beide kommen so strahlend ins Ziel, dass ich noch ein bisschen mehr hoffe, hier auch am Samstagmorgen einlaufen zu dürfen.

Abendessen, ein Gute-Nacht-Bier, ich packe den Rucksack, überprüfe alles wieder und wieder. Bestelle an der Rezeption ein kleines Frühstück in der Tüte, denn mein Bus fährt schon um 6.15 Uhr ab Chamonix. Um 4:50 Uhr klingelt am Freitagmorgen mein Wecker. Ich hätte ihn eher nicht gebraucht, wie so oft vor solchen Rennen habe ich nicht besonders viel geschlafen. Egal, jetzt geht es los, endlich! Ein Kaffee, ein Croissant, nochmal die Ausrüstung checken, dann fährt mich Pascal ins wenige Kilometer entfernte Chamonix. Ich besteige einen Bus, der mich durch den Mont-Blanc-Tunnel nach Courmayeur im italienischen Aostatal bringt.

Eine lange Reise beginnt

Zweieinhalb Stunden dauert es noch, bis auch ich mich auf die lange Reise machen darf. Die Pflichtausrüstung wird noch genau kontrolliert, ich esse noch etwas aus meiner kleinen Frühstückstüte (um später festzustellen, dass Schokocroissants zwar lecker, aber für ein solches Rennen sind keine dauerhaft den Magen füllende Grundlage). Meine Reserve-Softflask werfe ich weg, da sie undicht ist und meinen Rucksack unter Wasser setzt, egal, ein Liter Flüssigkeit muss reichen. Sonnencreme, Anti-Scheuer-Gel, ein letztes Mal in die irre lange Schlange vor den Toiletten stellen, dann gehe ich endlich in meinen Startblock. Zwischen 9 und 10 Uhr wird alle 15 Minuten ein Teil der gut 2000 Starterinnen und Starter auf die Strecke geschickt, ich bin um 9.30 Uhr dran. Hatte ich schon erwähnt, dass ich aufgeregt bin? Dann, endlich! Vangelis, wir klatschen, wir gehen, wir laufen los.

Der härteste Anstieg mit gut 1300 Höhenmetern am Stück steht uns direkt zu Beginn bevor. Es geht zunächst durch den Ort, dann auf eine breite Forststraße, dann auf einen Trail und – Stau. Ich kann hier gar nicht den Fehler machen, zu schnell zu starten, denn ich stehe im Stau. Auch gut. Es geht hoch und hoch und hoch. Die Landschaft wird schöner, der Blick weiter, die Sonne brennt. Der Anstieg nimmt kein Ende, dies ist eine Erfahrung, die ich in den nächsten vielen Stunden noch einige Male machen werde. Egal, ich habe Zeit. Hier spielt heute die Zeit keine Rolle, die anderen Läuferinnen auch nicht, es geht um mich und darum, mir meine Kräfte so einzuteilen, dass ich hoffentlich bis Chamonix laufen kann.

Erster Anstieg beim UTMB geschafft

Irgendwann bin ich oben, auf dem Tête de la Tronche (2584m), schaue mich um, freue mich, und ab geht´s dann nach unten, runter bis zum Rifugio Bertone, wo die erste Verpflegungsstation ist. Maske auf, Hände desinfizieren, Cola trinken. Ich nehme zwei Salzkräcker und marschiere weiter.

In stetem Auf und ab zieht sich der Trail nun durch eine wunderbare Landschaft. Sobald es bergan geht, marschiere ich, um Kräfte zu sparen, flache Passagen und bergab laufe ich.

 

Am Rifugio Bonatti bei Kilometer 21 fülle ich meine Wasserflaschen auf und esse eine Handvoll Nüsse. Am nächsten Checkpoint, bei Kilometer 26, gibt es Suppe, wunderbar, etwas Salziges tut gut. Außerdem heißt es Kraft tanken vor dem nun folgenden Anstieg auf den Grand Col Ferret. Auf dem Pass auf gut 2500 Meter Höhe überschreiten wir die Grenze zwischen Italien und der Schweiz. Aber bis dahin geht es hoch, immer höher, der inzwischen starke und immer kälter werdende Wind scheint immer nur von vorne zu kommen. Irgendwann bleibe ich stehen und ziehe zum ersten Mal meine Jacke an, der Wind ist wirklich kalt hier oben.

Es zieht sich ziemlich, aber dann kommt er endlich, der lange Downhill. Wunderbar, ich liebe es, bergab zu laufen. Ich freue mich außerdem, dass ich beim nächsten Checkpoint immerhin schon 40 Kilometer geschafft habe. In La Fouly geht es vor dem Verpflegungspunkt ein Stück weit über Asphalt, da tun Stellen weh, die vorher nicht weh getan haben. Dafür werden wir hier fantastisch angefeuert, das gibt Kraft. Bei meinem kurzen Zwischenstopp schreibe ich Pascal, wo ich bin, denn beim nächsten Checkpoint will er auf mich warten. An den folgenden drei CPs dürfen die Läufer offiziell Unterstützung erhalten.

Die große Krise

Ich denke mir, dass die nächsten 14 Kilometer nicht so schlimm werden, es geht die meiste Zeit bergab und dann nur einen kleinen Anstieg zum Checkpoint in Champex-Lac. Großer Irrtum, es ist auf diesen 14 Kilometern, dass ich eine ziemliche Krise bekomme. Beim Downhill ist alles fein, ich laufe vor mich hin, es geht mir gut. Wir durchlaufen ein Dorf, überqueren eine Straße, es geht wieder in den Wald und – bergauf. Steiler als ich dachte. Länger als ich dachte. Es ist schwerer als ich dachte. Mir ist schlecht, ich kann nicht mehr. Ich schleppe mich hoch, es nimmt kein Ende. Mir ist schlecht und schwindelig. Es wird dunkel. Da ich die ganze Zeit denke, dass dieser Checkpoint doch jeden Moment kommen muss, hole ich die Stirnlampe nicht heraus. Die anderen Läufer auch nicht, bis es irgendwann wirklich nicht mehr geht. Hier jetzt im Dunkeln hinzufallen, wäre echt blöd. Andererseits… hätte ich dann einen Grund, nicht weiterzulaufen. Mir ist schlecht. Mir ist schwindelig. Mist. Was mache ich gleich? Da ist Pascal mit dem Auto. Ich könnte mich hineinsetzen, ins Hotel fahren, duschen, schlafen. Im warmen Bett. Mir ist kalt. Mir ist schlecht. Mir ist schwindelig.

Endlich, als ich es schon fast nicht mehr für möglich halte, höre ich die Geräusche, die darauf hindeuten, dass in gleich am Checkpoint bin. Ich wanke mehr als dass ich laufe in das Zelt. Reizüberflutung. Es ist laut, voll, ein Gewimmel von Läufern und ihren Helfern. Wo bin ich, wer bin ich und wo ist Pascal? Er steht fast direkt vor mir und winkt. Ich murmle, dass es mir scheiße geht, und gehe los, um etwas zu essen zu holen. Läufer essen Pommes, Nudeln, riesige Portionen von allem hier – mir dreht sich der Magen um. Ich lasse mir etwas Brühe in meine Tasse geben, sehe ein, dass das nicht reicht, also noch ein Löffel Reis dazu. Damit und einem Becher Cola gehe ich zurück zu Pascal, setze mich hin, habe keine Lust auf die Suppe, weiß aber, dass ich etwas essen muss, wenn ich gleich wieder in Nacht laufen will.

Ich sitze hier lange, insgesamt über eine Stunde. Zum Glück habe ich genug Puffer zum Cut-Off, um mir das zu erlauben. Es dauert lange, bis ich die Suppe mit Reis und einige Salzcracker essen kann. Ich schaue mir das Profil der verbleibenden Strecke an. Noch drei Gipfel rauf und wieder runter. Der Mut verlässt mich, ziemlich viel weinerliches Mimimi gebe ich von mir. Pascal erklärt mir sinngemäß, dass ich mich wochenlang ohne Ende ärgern und ihn wochenlang ohne Ende nerven werde, wenn ich jetzt aufgebe. Ich fürchte, er hat recht. Ich ziehe Beinlinge an, zwei Jacken, Handschuhe, und sage einigermaßen entschlossen: „Ich mache weiter!“

Ich mache weiter!

Durch den Ort laufen wir zusammen, bis Pascal am Parkplatz abbiegt. Dann laufe ich allein weiter, auf in die schwarze Nacht. Bis es in den nächsten Anstieg geht, kann ich sogar einige überholen, dann wird es wieder fies. Es geht steil bergauf, wieder werde ich irgendwann etwas zittrig, esse ein Stück von einem Riegel, der mir wiederum nicht gut bekommt. Egal, weiter! Ein wenig demoralisierend ist es, steil und noch weit hinauf die Stirnlampen der anderen Läufer zu sehen. Punkte, ganz viele Punkte glitzern da oben. Vermischen sich mitunter mit den Sternen, manchmal habe ich das Gefühl, dass ich heute noch bis in den Himmel marschieren muss. Aber nein, irgendwann blinkt über mir nichts mehr. Oben ist es kalt, aber, immerhin, ich bin oben, die etwa 900 Höhenmeter dieses Anstiegs habe ich geschafft. Auf dem folgenden Downhill überhole ich wieder einige derjenigen, die mich bergauf überholt haben. Das Spiel folgt in dieser Nacht noch ein paar Mal.

Dann höre ich Musik, werde von den Markierungen in einen Stall geleitet, hier wurde ein zusätzlicher Checkpoint eingerichtet, Musik, tanzende und singende Helferinnen, ich bin verwirrt, aber es ist auch schön. Endlich fange ich an, Iso zu trinken, merke sofort, dass mir das hilft (Energie, ohne dass ich viel essen muss, was ich eben gerade nicht kann), fülle eine Flasche mit Iso auf und laufe weiter. Runter, runter, runter, es geht gut, es geht halbwegs schnell im Schein meiner Stirnlampe. Dann erreiche ich die Gemeinde Trient und damit den Checkpoint bei Kilometer 70. Aus dem Zelt schallt mir „Männer“ von Herbert Grönemeyer entgegen. Ich bin verwirrt. Warum läuft hier, mitten in der Nacht, im französischsprachigen Teil der Schweiz, Grönemeyer? Als ich das Zelt betrete, begrüßt der Sprecher „Andrea from Germany“, für die er jetzt deutsche Musik spiele, und nun erschallt „99 Luftballons“ durch die Berge des Wallis.

Lächelnd nehme ich mir etwas Suppe, Iso, Cola und gehe – nun wieder sehr entschlossen und überhaupt nicht mehr mutlos – weiter. 11 Kilometer bis zum nächsten Checkpoint, ich habe über zwei Stunden Zeitpuffer zum Cut-Off, und muss jetzt halt irgendwie wieder knapp 900 Höhenmeter hoch, aber dann darf ich wieder hinunterlaufen. Und überhaupt, es sind nur noch 30 Kilometer!

Der nächste lange Anstieg fühlt sich besser an, vielleicht auch, weil wir in einer größeren Gruppe unterwegs sind, niemand kann mehr besonders schnell, und so schlängeln wir uns gemeinsam hoch, hinter mir hat jemand Musik an, Chris Rea untermalt die Geräuschkulisse aus Stöhnen, Seufzen und dem Klick-Klack der Trekkingstöcke. Wieder freue ich mich wie verrückt, als es wieder hinunter geht. Das war er, der vorletzte Anstieg dieses Rennens, pah! Mein Downhill wird dadurch ausgebremst, dass ich den Akku meiner Stirnlampe wechseln muss, gar nicht so einfach mit den kalten Fingern, aber nicht zu ändern. So konzentriert wie möglich renne ich hinab ins Tal. Immer mal wieder stolpere ich, bleibe hängen, kann mich aber abfangen. Jetzt nicht hinfallen, das wäre zu blöd! Aber es funktioniert, die Konzentration ist trotz der Müdigkeit da.

Letzter Anstieg beim UTMB

Vallorcine, vorletzter Checkpoint, ab jetzt sind es nur noch knapp 20 Kilometer, das muss gehen! Ich esse ein paar Kräcker, gehe zur Toilette, trinke etwas, fülle die Flaschen auf und mache mich ohne größere Pause wieder auf den Weg. Ich will weiterkommen, ich will ankommen! 870 Höhenmeter, der letzte Anstieg klingt machbar. Auf dem Weg dorthin geht mir wieder das Licht aus, die Reservestirnlampe muss ran. Während ich noch auf einem breiten, nur sehr leicht ansteigenden Weg marschiere und manchmal laufe, sehe ich wieder die „Sterne“, die die Stirnlampen schräg recht vor mir in den Berg zeichnen. Ach herrje! Das geht endlos nach oben, und es sieht aus wie eine steile, gerade Linie. Das sieht nicht nur so aus. Der letzte Anstieg ist steil. Er ist steil. Es wird hell, ich kann meine Stirnlampe ausschalten. Der Anstieg bleibt – steil. Um mich herum totales Gekeuche. Nicht nur ich finde den Anstieg steil. Wir haben halt auch alle schon ein bisschen was in den Beinen.

Der Anstieg ist nicht nur steil, er ist auch endlos. Zwischendurch ist mir danach, rumzubrüllen, dass ich Berge scheiße finde, richtig scheiße. Mache ich nicht, versteht ja eh keiner um mich herum. Stimmt ja auch nicht, wie ich wenig später merke, als die aufgehende Sonne das alles hier in ein warmes Licht hüllt und ich die unfassbare Schönheit dieser Landschaft trotz meiner Müdigkeit und Erschöpfung doch erkennen kann. Ich nehme mir die Zeit, Fotos zu machen.

Die letzten Kilometer vor dem letzten Checkpoint, als ich mich laut Streckenprofil schon längst wieder bergab rennen wähnte, sind technisch, teilweise verblockt und ich bin zu k.o., um hier jetzt schnell zu laufen. In einem Mix aus Marschieren und langsamen und vorsichtigen Laufen komme ich weiter. Es zieht sich. Dann endlich, noch ein kleiner Anstieg, oben sehen wir die Verpflegungsstation, gemeinsam mit einer französischen Läuferin fluche ich darüber, dass es nochmal hoch geht. Aber dann sind wir da. Von nun an geht es bergab. Bergab, bis nach Chamonix. Bergab bis ins ersehnte Ziel. Ich werde dieses Rennen finishen!

Und ab geht´s. Ich laufe los, wundere mich, dass meine Beine das noch völlig ok finden. Ich hänge mich an einen britischen Läufer, der den Downhill durch den Wald schnell angeht, wir überholen zahlreiche Läuferinnen und Läufer auf diesen letzten Kilometern, es fühlt sich so unfassbar gut an, dass wir uns dem Ziel nähern. Irgendwann muss ich den Briten ziehen lassen, es rast den Berg so hinunter, dass ich fürchte, auf den letzten Metern doch noch hinzufallen, wenn ich das mitziehe. Trotzdem komme ich gut vorwärts, inzwischen kommen uns von unten immer mehr Leute entgegen und feuern uns an. Oh Mann, ich habe es gleich geschafft. Mir schießen Tränen in die Augen.

Der Wald spuckt uns aus, über eine Brücke (mit Treppen, wie gemein!) überqueren wir eine breite Straße, dann geht es in den Ort. Ich sehe vertrautes Terrain, es kann nicht mehr weit sein. Vorbei an der Startnummernausgabe, an der Messe, jetzt nach rechts über die Brücke, Menschen klatschen, jubeln, schreien, Autos hupen. Gänsehaut, wieder kommen mir die Tränen. Das hier war so hart, aber jetzt laufe ich durch die Straßen von Chamonix und habe das Gefühl, ich kann fliegen! Dann sehe ich Pascal, der ein paar Meter mit mir läuft, dann abkürzt zum Ziel.

Ich genieße jeden einzelnen Meter, Emotionen wirbeln in meinem Kopf herum, ich bin gleich da, ich habe es gleich geschafft. Da, um eine Kurve noch, dann sehe ich den Zielbogen. Tränen, lachen, laufen, Arme hoch, verstrahlt in die Gegend schauen, lachen und dann bin ich da. Im Ziel. Ich habe es geschafft. Nach 24:32 Stunden. Ich bin müde. Ich bin fertig. Ich bin unfassbar erleichtert und stolz und glücklich. Dieser Zieleinlauf bedeutet mir wirklich viel.

Den Rest des Tages verbringe ich in einem Wechsel aus Essen und Schlafen. Ich kann nachmittags um 15 Uhr einen Burger mit Pommes essen und trotzdem am Abend ein Drei-Gang-Menü. Auch das weiß ich jetzt. Am nächsten Tag fahren wir mit der Seilbahn auf die Aiguille du Midi auf gut 3800 Meter Höhe. Ich bestaune diese wunderbare Berglandschaft noch einmal von oben, habe standesgemäß – wie viele andere hier oben – meine Finisherweste an.

Ich habe Muskelkater und bin müde, ansonsten geht es mir erstaunlich gut. Während ich hier oben das Nichtstun genieße, kämpfen sich weiter unten immer noch Läuferinnen und Läufer ins Ziel, die den UTMB mit seinen 170 Kilometern laufen. Was für eine Leistung, ich bin voller Bewunderung! Die Eliteläufer und -läuferinnen waren übrigens über 170 Kilometer schneller als ich über 100 Kilometer. Und während Pascal am Checkpoint in Champex-Lac bei Kilometer 54 auf mich gewartet hat, konnte er auf einer Leinwand sehen, wie die ersten 100-Kilometer-Finisher noch im Hellen das Ziel erreicht haben. Wahnsinn! Viele andere waren episch lang unterwegs, auch konnten nicht alle ihr Rennen beenden. Auch wegen der nächtlichen Kälte in der Höhe durch den eisigen Wind haben Hunderte Starter den UTMB und den CCC abgebrochen. Das kann eine sehr gute und kluge Entscheidung sein. Ich bewundere jede/n, der und die sich an den Start getraut hat, der es gewagt hat, zu Fuß auf eine solch lange Reise am Fuße des Mont Blancs zu gehen.

 

Ich bedanke mich beim Veranstalter sehr herzlich für den Startplatz.

Fotos: privat, Flash-sport.

Das bin ich

Dr. Andrea Löw, Historikerin und leidenschaftliche Läuferin. Hier nehme ich euch auf meine Laufabenteuer und Reisen mit.

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Ultra Trail du Mont Blanc: CCC
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