Abenteuer und Glückseligkeit beim Ultra Africa Race in Mosambik

Zwei Tage nach dem Finish. Ich bin beim  Ultra Africa Race in Mosambik 220 Kilometer mit etwa 4000 Höhenmetern in fünf Etappen gelaufen, organisiert vom französischen Veranstalter Canal Aventure, der auf jedem Kontinent ein mehrtägiges Ultrarennen anbietet. Ich sitze im Bus, in neunstündiger Fahrt geht es zurück nach Maputo. Ich schaue in die Landschaft und stelle mir ständig vor, wie es wäre, jetzt hier her zu laufen. Und das verrückte ist: Ich hätte tatsächlich Lust dazu, zwei Tage nach der letzten Etappe. Ich bin glücklich und unendlich dankbar. Diese Rennen machen etwas mit Dir, es sind Erfahrungen, die Dich prägen.

Aber von Anfang an.

Nach wochenlanger Vorbereitung und langer Anreise über Addis Abeba nach Maputo  beginnt das Abenteuer entspannt. Mit dem Bus und am Ende mit Jeeps werden wir aus der Hauptstadt Maputo zum Lake Nhambavale in eine Lodge gebracht, in der wir vor dem Start zwei Nächte verbringen. Langsam ankommen, uns kennenlernen. Eine erste kleine Runde laufen und merken: Es ist heiß und im Sand ist es anstrengend. Wäre das schon mal geklärt.

Die Pflichtausrüstung wird überprüft, mein Rucksack ohne die zwei Liter Wasser mit 6,6 Kilogramm gewogen. Das geht, ist nicht zu viel, immerhin habe ich Essen für fünf Tage, einen Schlafsack, eine Isomatte, ein Erste-Hilfe-Set, einen Wasserkessel, Getränkepulver und was man sonst noch so fünf Tage lang braucht, dabei. Das Zelt bekommen wir gestellt.  Außerdem gibt es ein Gespräch mit Bruno Thomas, dem so erfahrenen Rennarzt. Abends ein Briefing durch Organisator Jérôme Lollier, dann gehe ich sehr aufgeregt und zugleich glücklich darüber, dass es nun bald so weit ist, schlafen.

Rafael Fuchsgruber, der mich überhaupt erst hierher (und im Mai zum Sahara Race in Namibia) gebracht hat, beginnt mir zu erklären, dass die haushohe Favoritin Ita Marzotti (Italien) nach ihren vielen langen Wettkämpfen zuletzt vielleicht müde ist.  Vielleicht hätte ich hier eine Chance. Noch viel unruhiger als vorher liege ich nun im Bett und warte darauf, dass es los geht.

Der nächste Morgen. Wir stehen am Start, letzte Pre-Race-Fotos in sämtlichen Personenkonstellationen werden gemacht. Und dann geht es los. Von zehn herunter gezählt und dann sind wir auf der Strecke. Auf einer sandigen Strecke. Nach zweieinhalb Kilometern Piste geht es für 20 Kilometer am Indischen Ozean entlang. Wir haben Glück. Es ist Ebbe, der Sand direkt am Meer ist hart, ist gut laufbar.

Rafaels Worte im Ohr versuche ich einfach mal mein Glück, will schauen, was geht, wenn ich Tempo mache. Ich laufe mit Rafael, eigentlich viel zu schnell für ein solches Etappenrennen, aber ich denke mir, dass ich es ja einfach mal probieren kann. Man muss sich ja auch mal was trauen.  Ich bin erste Frau, es geht super.

Bis es ins Landesinnere geht. Der Wind ist weg, die Luft steht, es wird heiß, der Boden immer sandiger, Höhenmeter hat die Strecke nun auch noch. Es ist hart, ich muss ziemlich kämpfen, aber irgendwie rette ich einen kleinen Vorsprung ins Ziel, gewinne diese erste Etappe. Das kann mir keiner nehmen, egal wie es hier weiter geht.

Das Camp ist so nah am Dorf, dass schon bald Frauen und Kinder kommen und uns einigermaßen bestaunen: weiße, verschwitzte Frauen und Männer, die aus unerfindlichen Gründen mit großen Rucksäcken durch die Gegend laufen. Bald schon lachen und tanzen wir zusammen, mittendrin unsere wunderbare Kazuko Kaihata: Über 60 Jahre alt, mit Erfahrungen im Ultralauf, die mich vor Ehrfurcht erstarren lassen, ist sie immer sofort dabei, wenn Kinder vor Ort sind.

Ich mag das Leben im Camp: Meinen kleinen Kessel  ins Feuer stellen, um heißes Wasser für das Trecking-Abendessen zu haben, etwas trinken, mich ein bisschen unterhalten. Früh wird es dunkel, dann ist nichts mehr zu tun, als sich ins Zelt auf die viel zu harte Isomatte zu legen, in den Schlafsack zu kuscheln , und zu versuchen, ein bisschen zu schlafen.

Zwischen 4 und 5 Uhr schälen sich die meisten aus ihren Schlafsäcken und bereiten sich auf die nächste Etappe vor: Wasser erhitzen, etwas essen, Füße verarzten, Rucksack packen, mit Sonnencreme und evtl. Hirschtalg einschmieren – es ist viel zu tun am Morgen.

In der zweiten Etappe macht Ita ernst. Aber so richtig. Ich versuche anfangs, ihr Tempo  mitzugehen, doch sehr bald muss ich einsehen, dass ich das nicht halten kann. Bald muss ich mich auch vom zweiten Platz verabschieden, die Kanadierin Stephanie Bales, mit der ich in den nächsten Tagen immer wieder zusammen laufen und viel Spaß haben werde, zieht an mir vorbei. Ich nehme etwas Tempo heraus, beschließe, dass ich unterwegs die Zeit haben möchte, Fotos zu machen, Land und Leute quasi aufzusaugen, nicht permanent am Limit zu laufen – zumal die ersten beiden Etappen mit 35 und 39 Kilometern die kürzesten sind. Was in den nächsten Tagen folgen wird, sind immerhin 51, 47 und nochmal 47 Kilometer.

Ich kämpfe mich ziemlich durch diese zweite Etappe, doch irgendwie geht es. Im Ziel gibt es eine wunderbare Überraschung: Das Camp liegt direkt an einem See, in voller Montur stürze ich mich ins Wasser, spüle Dreck, Sand und Schweiß ab. Was für ein Luxus während eines mehrtägigen Rennens ohne Dusche. Und die Klamotten fühlen sich auch wieder frisch an.

Am dritten Tag steht die mit 51 Kilometern längste Etappe auf dem Programm. Ich habe großen Respekt. Doch läuft es lange Zeit sehr gut. Die Strecke ist wunderschön.

Wir laufen durch kleine Dörfer und an einzelnen Hütten vorbei. Ich winke jedem einzelnen an der Strecke zu, Kinder, Frauen und Männer winken und lächeln ausnahmslos zurück. Die meisten lächeln nicht nur, sie strahlen richtig. Das gibt so viel Energie.

An einer Schule versammeln sich Dutzende Kinder um Stephanie und mich, alle möchten mit aufs Foto, viele der Kinder laufen danach noch eine ganze Weile mit uns. Das ist etwas, das uns immer wieder passiert in diesen harten, doch wunderbaren Tagen in Mosambik: Kinder laufen Teile des Weges mit uns. In ihren Flip Flops sind sie häufig schneller unterwegs als ich. Und sie sind so fröhlich, strahlen mich an. Diese Begegnungen berühren mich sehr.

Und natürlich bin ich nicht die einzige mit diesen wunderbaren Begegnungen:

An diesem dritten Tag durchlebe ich immer wieder große Emotionen. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich hier laufen darf, durch Dörfer, unter Palmen, immer wieder mit Blick auf wunderschöne Seen, immer wieder mit Kindern.

Dann wird es doch auch sehr hart. Es geht sandig bergauf und bergab, es ist heiß. Sehr heiß in der Mittagszeit. Doch ist es nie so, dass ich auch nur ansatzweise die Sinnfrage stelle. Ich bin so glücklich und dankbar, hier zu sein. Ich bin ganz genau am richtigen Ort. Jetzt. Gerade. In diesem Moment. Da darf es auch weh tun. Als es eine Weile bergab geht, ich einigermaßen zügig durch Palmenwälder mit Blick auf einen See laufe, kommen mir die Tränen. Pures Glück. Was für ein Abenteuer!

Endlich erreiche ich die Brücke über den See, hinter der ein wegen der Hitze zusätzlich eingerichteter dritter Checkpoint folgt. Noch einmal Wasser nachfüllen, Wasser zur Kühlung auch über den Kopf, und weiter geht es. Nur noch zehn Kilometer, 41 habe ich schon. Aber diese zehn Kilometer ziehen sich nahezu endlos. Am Seeufer geht es durch tiefen Sand, meist sacke ich tief ein, das ist Kräfte zehrend. In einem Mix aus Laufen und Gehen stolpere ich am Ufer entlang. Zwischendurch geht es an Kühen vorbei, einmal bleibe ich an irgendetwas hängen und liege der Länge nach im Sand. Nichts passiert. Weiter geht es. Immer weiter. Ich werde unsicher, ob ich den Abzweig zum Camp verpasst habe, Blicke zurück:

Irgendwann bin ich da, mit schweren Beinen schleppe ich mich zum Zelt. Regeneriere, so gut es geht, schließlich geht es am nächsten Morgen um 7 Uhr wieder los, auf eine mit 47 Kilometern nur unwesentlich kürzere Etappe.

Am nächsten Morgen regnet es. Es ist nicht ganz einfach, die morgendliche Camp-Routine im Regen zu bewältigen. Zum Glück gibt es eine kleine Hütte, in der der wunderbare Bruno unsere Füße und die vom Rucksack wund gescheuerten Rücken verarzten kann, ohne dass alles dabei nass wird. Dann geht es wieder los. Der Regen sorgt für kühlere Temperaturen, nach dem heißen und langen Vortag eine Wohltat.

Doch irgendwann habe ich an diesem Tag ein kleines Tief. Es regnet und ist windig, mein Rücken tut weh. Es zieht sich. Und doch geht es weiter. Ich laufe, winke, grüße, laufe weiter. Als ich Jérôme und Bruno unterwegs treffe (die Crew ist mit Jeeps unterwegs, immer wieder treffen wir sie), antworte ich auf die Frage, wie es mir geht: „Mein Rücken tut weh, meine Beine tun weh, meine Füße tun weh, aber es geht mir gut.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Irgendwann bin ich da. Das Camp ist an diesem Tag auf dem Gelände einer Schule errichtet. Kinder und Lehrer feuern mich an, als ich einlaufe. Ich bin glücklich. Vier Etappen sind geschafft.

Der Start der letzten Etappe ist zu unserer großen Freude schon um 6 Uhr – weniger Zeit in der Mittagshitze! Noch einmal gilt es, 47 Kilometer zu bewältigen, sämtliche Höhenmeter dabei in den ersten 27 Kilometern, denn die letzten 20 geht es, wie bereits zu Beginn des Rennens, am Indischen Ozean entlang. Bis dahin ist die Strecke wieder sehr typisch, dem ähnlich, was wir in den letzten Tagen gesehen und erlebt haben: Sandige Wege, leichtes auf und ab, an kleinen Dörfern und Seen vorbei.

Dann sehe ich die Dünen, bin schon fast am Meer.  Das letzte Teilstück am Indischen Ozean ist wunderschön, auch recht gut zu laufen, aber es zieht sich, zumal mit 200 Kilometern aus den letzten Tagen in den Beinen. Wieder durchlebe ich starke Emotionen. Das Glücksgefühl, dass ich gleich das Ultra Africa Race finishen werde, führt gemeinsam mit der Erschöpfung dazu, dass mir immer wieder die Tränen kommen.

Hinter einer Kurve, in einer Bucht, sehen Stephanie und ich endlich das Ziel. Zum Glück, meine kanadische Freundin hatte vorher angekündigt, wenn jetzt das Ziel nicht endlich kommt, bleibt  sie einfach stehen und heult. Mit lauten Jubelschreien laufen wir darauf zu. Pure Glückseligkeit. Es ist geschafft! 220 Kilometer durch die mosambikanischen Provinzen Gaza und Inhambane finden hier, an diesem wunderschönen, von Dünen und Palmen gesäumten Strand, ihr Ende.

Große Höhepunkte nach dem Zieleinlauf: eine eisgekühlte Cola und der Sprung ins Meer. Das folgende Finisher-Bier ist auch fein. Den Rest des Tages verbringen wir mehr oder weniger komplett mit Essen und Trinken. Und glücklich sein. Einfach nur glücklich sein. Dieses unglaubliche Glücksgefühl beim Überschreiten der Ziellinie nach einem solch extremen Rennen und auch die tief empfundene Dankbarkeit in den Tagen danach kann ich nur schwer beschreiben.

Mir wird immer klarer, dass das genau die Art von Abenteuer ist, die ich noch viel mehr machen möchte. Mir die Welt erlaufen, ferne Länder im Laufschritt erkunden, durchaus auch an meine Grenzen kommen. Du lernst sehr viel über Dich in einem solchen Rennen, darüber, was zu leisten Du imstande bist. Und die Gefühle sind so intensiv. Wahnsinn.

Der nächste Tag gehört uns noch einmal in diesem traumhaften Ressort. Ein Paradies, ich möchte hier bleiben, phantasiere, wie ich hier unter Palmen meine nächsten Bücher schreiben werde. Ich spaziere am Strand, bleibe immer wieder stehen und schaue in die Landschaft.

Dann ist die Siegerehrung, in der jeder einzeln geehrt wird, Finishershirt, Urkunde und Medaille bekommt. Die Trophäe für meinen dritten Platz bei den Damen, eine aus Holz geschnitzte Gruppe von Frauen, ist die schönste, die ich jemals bekommen habe. Jérôme erwähnt bei der Siegerehrung, dass ich immer gelächelt hätte. Kein Wunder bei dem, was ich die letzten Tage erleben durfte!

Wir feiern einander, sind im Laufe dieser Woche zu einer Familie geworden, auch wenn wir manchmal keine gemeinsame Sprache haben. Das Ultra Africa Race hat einen sehr besonderen Spirit. Es ist ein Wettkampf, aber vor allem ist es ein Abenteuer, das wir gemeinsam erlebt haben. Wir haben zusammen gelitten und gelacht, haben uns geholfen, uns Mut zugesprochen.

Die Organisation durch Canal Aventure ist überragend gut. Abenteuer will der Veranstalter bieten, keine Läufe durch Länder und Regionen, die ohnehin viel bereist werden. Und dies nur für eine kleine Gruppe von Läufern, damit genau dieser besondere Spirit, den ich nun erleben durfte, gewahrt bleibt. Mosambik ist für diese Art von Abenteuerlauf perfekt. Es ist ein sicheres Land, zugleich merkt man den Kindern an, dass wir in den allermeisten Fällen offenbar die ersten Weißen sind, die sie zu Gesicht bekommen.

Besonders beeindruckend sind die Begegnungen – sowohl mit den anderen Läufern als auch und besonders die mit den Menschen in Mosambik. Sie berühren. Kinder, aber auch Ältere strahlen uns an, sind so freundlich und fröhlich. Kaum zu glauben, dass dieses Land nach der portugiesischen Kolonialzeit von einem schweren Bürgerkrieg heimgesucht wurde und es noch gar nicht so lange her ist, dass offiziell alle tückischen Landminen als entschärft erklärt wurden und die Kinder wieder unbeschwert auch abseits der großen Wege herumlaufen können.

Doch auch die Begegnung mit meinen Mitläufern macht dieses Rennen so besonders. Die wunderbare Kazuko, die ich bereits aus einem Film über den Transeuropalauf kannte; Marco Olmo, der das Rennen mit seinen 68 Jahren souverän gewinnt; Ramon, dessen Tätowierungen von Tausenden Kilometern erzählen, die er auf den Kontinenten dieser Welt schon gerannt ist.

Und natürlich: Rafael Fuchsgruber, ohne den ich überhaupt nicht hier wäre, ohne den ich möglicherweise niemals auf die Idee gekommen wäre, mich an ein solches Rennen heranzutrauen. Er wurde am Ende in Mosambik Vierter. Im Grunde müsste ich jeden Starter hier aufzählen.

Ich werde sie vermissen, meine kleine Familie verrückter Ultraläufer und das wunderbare Team um Organisator Jérôme Lollier. Aber sicher nur ganz kurz – wir werden uns wiedersehen, bei unseren nächsten Laufabenteuern, irgendwo auf  dieser Welt. Bald!

 

DANKE!!!!

Ich war für das Ultra Africa Race perfekt ausgestattet. Dafür danke ich sehr herzlich meinen Sponsoren:

ASICS FrontRunner

SZIOLS Sportsglasses

YETI The Down Specialist

GSI Outdoors

Adventure Food

 

Jérôme Lollier, Bruno Thomas und dem gesamten Team von Canal Aventure danke ich für ein wunderbares Abenteuer in perfekter und liebevoller Organisation – Ihr seht mich wieder, bald 😉

Rafael – danke!

Ganz herzlichen Dank an Dino Bonelli, der uns nicht nur immer wieder Mut zugesprochen hat auf der Strecke, sondern mir auch zahlreiche wunderbare Fotos für diesen Blog zur Verfügung gestellt hat!!!! Die Bilder sind entweder von mir, von Rafael, von Jérôme oder eben (und zwar die besten….) von Dino.


Und noch ein letzter Hinweis: Ich habe mit diesem Lauf Gelder für ein Projekt des Bayerischen Fußballverbands gesammelt, mit denen eine Grundschule in Maputo unterstützt wird – vielleicht möchte sich noch jemand beteiligen und die Kinder in Mosambik unterstützen???

Lasst uns gemeinsam den Kindern in einem der ärmsten Viertel in Mosambiks Hauptstadt Maputo helfen!

Das Spendenkonto:

BFV-Sozialstiftung
Kennwort: Ultra Africa Race
IBAN: DE44700400480793849100
BIC: COBADEFFXXX
Commerzbank AG

 

Ein Gedanke zu „Abenteuer und Glückseligkeit beim Ultra Africa Race in Mosambik“

  1. JungeJungeJunge. Da werden dir die Voralpen demnächst reichlich öde vorkommen angesichts dieser erlebten Landschaft. Und trotzdem: auf das Asia Ultra Race bin ich noch mehr gespannt …

    Leg die Beine hoch für ein paar Tage, Glückwunsch zum Erlebten

    Benne.

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