Ein inspirierendes Buch von einem Ausnahmeathleten

Scott Jurek:

Eat and Run. Mein ungewöhnlicher Weg als veganer Ultramarathon-Läufer an die Weltspitze
336 Seiten
19,99 [D] | 20,60 [A]
Südwest Verlag: München 2014

Eat Run von Scott Jurek

Ein unglaublich inspirierendes Buch von einem ebenso inspirierenden Läufer ist gerade in einer deutschen Übersetzung erschienen, nur zwei Jahre nach dem englischen Original. Scott Jurek, dessen Erfolge und Rekorde aufzuzählen Seiten füllen würde, ist mit seinen gerade einmal 40 Jahren eine Legende. Er beschreibt mit seinem Co-Autor Steve Friedman seinen Weg zum und als Ultraläufer und Veganer – Laufen und gutes Essen gehören bei ihm untrennbar zusammen, und er teilt viele seiner Rezepte mit dem Leser, immer mit einer kurzen Geschichte zum jeweiligen Gericht.

Außerdem eingestreut sind Lauftipps, etwa zum optimalen Fußaufsatz, zur Haltung und Kräftigung der Körpermitte – die Lauftipps sind sinnvoll, denn Scott Jurek ist davon überzeugt, dass jeder ein Ultraläufer sein kann. Doch lehrt das Buch zugleich, wie groß der Wille dazu sein muss, und: „Wer bei Ultramarathons startet, braucht absolutes Selbstvertrauen, gepaart mit größter Demut.“ (S. 16). Gleich das erste Kapitel macht sehr deutlich, wie hart Ultralaufen sein kann: Scott Jurek liegt nach 110 Kilometern beim Badwater Ultramarathon 2005 am Boden, hört nicht auf, sich zu übergeben und will nicht weiter – nur zwei Wochen, nachdem er zum siebten Mal in Folge den Western States 100 gewonnen hat. Am Ende läuft er weiter und gewinnt auch den Badwater Ultramarathon.

Zwischen dem Einstieg mit dem am Boden liegenden Scott Jurek und seinem Finish beim Badwater 2005 erzählt der Ausnahmeathlet die Geschichte seines Lebens. Aufgewachsen in Minnesota, war er in der Schulzeit zunächst Skilangläufer und lief im Sommer nur, um seine Form zu erhalten. Seine Mutter erkrankt an Multipler Sklerose, kommt schon in relativ jungen Jahren in ein Pflegeheim. Er muss als Kind viel arbeiten, sein Vater lehrt ihn Disziplin, immer wieder hörte der junge Scott den Satz, der ihn auf vielen Läufen begleitete: „Sometimes you just do things!“ (mir erscheint die Übertragung in der deutschen Ausgabe nicht so glücklich: „Manchmal muss man´s einfach tun“).

Mit der Zeit läuft Scott Jurek immer länger und schneller, geht zu einer fleischlosen, später veganen Ernährung über und merkt, dass ihm als Läufer diese Ernährung gut bekommt, dass ihm nicht nur nichts fehlt, sondern dass sie ihn besser macht. Zugleich liest er über Trainingsmethodik und Leistungsdiagnostik, liest die Bücher anderer Läufer, hat immer auch einen intellektuellen Zugang zu seinem Sport. Und teilt viel von dem, was er gelesen hat, mit seinen Leserinnen und Lesern.

Eine wunderbare Szene schildert er über Chuck Jones, sein Idol des Western States 100. Als gegen Ende dieses anspruchsvollen 160-Kilometer-Rennens während eines besonders harten Aufstiegs ein neben diesem fahrender Reporter sagt: „‘Sie lächeln schon die ganze Zeit, während wir Sie filmen‘, antwortete Jones, ohne auch nur eine Sekunde aus dem Tritt zu geraten: ‚Na ja, ich laufe halt gern.‘“ (S. 119). So einfach ist das vielleicht manchmal.

Als Scott Jurek 1999 das erste Mal selbst beim Western States 100 Endurance Run an den Start geht, will er den Lauf gewinnen. Andere Läufer und Zuschauer verspotten ihn als „Flachlandläufer“. Er gewinnt den Lauf mit fast einer halben Stunde Vorsprung auf den Zweiten. Im Ziel bleibt er auf seinem Schlafsack liegen, um all den anderen Läufern, die lange nach ihm einlaufen, zuzujubeln: „Es gibt viele Leute, die nie in ihrem Leben irgendetwas Großartiges zuwege bringen, denn sie versuchen es nicht einmal. Jeder Einzelne, der hier über die Ziellinie kam, hatte es nicht nur versucht, sondern auch tatsächlich Großes geleistet. Indem ich dort blieb und die Läufer grüßte, würdigte ich ihre Leistung, aber auch all die Schmerzen, Zweifel, die Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit, die sie besiegt hatten.“ (S. 141)

In den nächsten Jahren gewinnt er immer, und nicht nur dieses bedeutende Rennen (und er blieb weiter an der Ziellinie und wartete auf all die anderen Läuferinnen und Läufer). Wie er dies alles erreicht, seine ungeheure Willenskraft ist inspirierend: Es geht darum, Dinge zu vollbringen, von denen man anfangs glaubte, dass sie nicht zu schafften sind. Den berühmten „Mann mit dem Hammer“ erlebt ein Ultraläufer gleich mehrfach – dafür aber auch das Runner´s High (in der deutschen Ausgabe übersetzt mit „Läuferhoch“): „Der Zustand tritt bei mir immer dann ein, wenn die Intensität des Rennens, der aufgebaute Erwartungsdruck und die Schmerzen ein beinahe unerträgliches Maß erreicht haben. Dann öffnet sich in mir etwas, und ich finde einen Teil meines Ichs, der größer ist als der Schmerz.“ (S. 191)

Dies ist auch ein Buch über Freundschaften, vor allem die zu Dusty, dem möglicherweise besseren Sportler und Freund aus Schulzeiten, der wieder und wieder Scott Jureks Team angehört, sein Tempomacher in vielen Rennen ist, ihn beschimpft und weitertreibt. Scott Jurek beschreibt ein Phänomen, dass Läufern bekannt vorkommen dürfte: Obwohl lange Läufe, gerade Ultramarathons, über viele, viele Stunden vollkommene Einsamkeit bedeuten, sind die Freundschaften, die hier entstehen, etwas ganz besonderes. Die Geschichte manch eines verrückten Ultraläufers ist in diesem Buch verewigt, so auch die von Caballo Blanco und den Tarahumara, die viele Leser spätestens seit Christopher McDougalls „Born to Run“ kennen.

Scott Jurek schreibt nicht nur über Erfolge und gute Zeiten. In den Jahren 2008 bis 2010 trennt sich seine Frau von ihm und seine geliebte Mutter, die ihm immer wieder versichert hatte, wie zäh sie sei, stirbt. Und auch jemand wie Scott Jurek stellt sich die Frage nach dem Sinn, fragt sich, wozu er weiterlaufen soll, was es eigentlich bringt? Er findet seine Antworten bei einem 145 Kilometer langen Lauf über den Tonto Trail durch den Grand Canyon. Und läuft weiter.

Die bisherige Lebensgeschichte dieses 40-jährigen Ausnahmeathleten ist bewegend und inspirierend, und dies sicher nicht nur für Ultraläufer: Das Buch handelt vom Laufen und vom Essen. Es handelt davon, was man erreichen kann, wenn man sich traut und bereit ist, viel dafür zu opfern und auch etwas zu riskieren. Es handelt von Verlust, von Liebe und von Freundschaft. Das ist ganz schön viel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.