Literarische Annäherungen an den Marathon

Matthias Politycki:
42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken.
Hofmann und Campe 2015
gb., 315 Seiten

9783455503388

Schreiben und laufen hat sehr viel miteinander zu tun. Um ein Buch zu schreiben, braucht es sehr viel Ausdauer und einen langen Atem. Das ist ein bisschen wie beim Marathon. So ist es kein Zufall, dass es einige Schriftsteller gibt, die passionierte Läufer sind und irgendwann auch darüber schreiben. Haruki Murakami etwa hat vor einigen Jahren ein Buch über seine Leidenschaft geschrieben.

Nun hat der bekannte Schriftsteller Matthias Politycki, der ungefähr so lange schreibt wie er läuft, nämlich seit über 40 Jahren, ein Buch über DEN Lauf schlechthin, den Marathon, geschrieben. Warum laufen wir Marathon und was geht dabei in uns vor? Was treibt uns an, da raus zu gehen, immer wieder und bei jedem Wetter? Was durchleben und durchleiden wir während eines Marathons? Worüber reden wir mit unseren Lauffreunden und was sind überhaupt Lauffreunde? Die Lauffreunde des Autors jedenfalls kommen in dem Buch auch vor, mit ihren Vorlieben und Macken.

Kilometerstände markieren die Kapitelüberschriften, nach Kapitel 42 folgen noch „Ziel. Postmarathonale Depression“ und „Zielbereich. Friede auf Erden.“ Zwischen „Start. Dem Tod davonrennen“ und diesen Schlusskapiteln nimmt Politycki uns über 42 Kilometer bzw. Kapitel mit auf seine Gedankenreise über das Laufen. Oft musste ich schmunzeln, habe vieles wiedererkannt. Mit Freude habe ich das Buch gelesen, auch wenn ich nicht jede Einschätzung teile. Aber das wäre ja auch langweilig, wir Läufer sind ja nun gerade nicht alle gleich, auch wenn das manch einem Nicht-Läufer vielleicht so vorkommen mag.

Es geht um Dinge, die uns allen vermutlich sehr bekannt vorkommen, um den Ausrüstungswahn, um die therapeutische Wirkung unserer Leidenschaft, um die Tiefpunkte, die wir doch alle kennen. Es findet sich auch eine Hassrede im Buch, und zwar eine auf die egomanischen Rempler, die immer wieder bei großen Straßenmarathons denken, sie müssten das gesamte Teilnehmerfeld auf den ersten beiden Kilometern hinter sich lassen. Es geht um all die Ausreden, warum es diesmal doch nicht mit der neuen Bestzeit geklappt hat, um Tiefstapeleien vor dem Start und die Bedeutung von Finishermedaillen. UNd der Autor ist ein reisender Läufer, er nimmt uns mit auf seine Marathons in vielen verschiedenen Ländern.

In Matthias Polityckis Buch „42,195“ habe ich viele schöne Beobachtungen über die Wahrnehmungen und sehr unterschiedlichen Phasen und Empfindungen während eines Marathons und allgemein des Laufens gefunden. Und empfinden wir nicht alle ähnlich wie der in Hamburg und München lebende Schriftsteller, wenn er sagt: „Nein, ich lebe nicht fürs Laufen. Aber ohne Laufen wäre mein Leben nicht mein Leben, das schon.“

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