Bedrückend aktuell: Flüchtlingsdrama einer Läuferin

Reinhard Kleist:
Der Traum von Olympia.
Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
Graphic Novel
Carlsen Verlag: Hamburg 2015

9783551736390_0

Ich habe noch nie eine Graphic Novel, und zugleich noch nie ein derart bedrückendes Buch in diesem Blog vorgestellt. Von trauriger Aktualität ist es zudem noch. Es handelt von einer Läuferin, die nach Europa flüchten wollte.

Der Berliner Comic-Zeichner Reinhard Kleist erzählt in „Der Traum von Olympia“ die tragische Geschichte von Samia Yusuf Omar. Die somalische Läuferin hat 2008 ihr Land bei den Olympischen Spielen in Peking vertreten. Sie wurde Letzte im Vorlauf über die 200 Meter, aber die Menschen jubelten ihr zu. Bestimmt haben viele Leser dieses Blogs ihren Lauf damals im Fernsehen gesehen. Ich jedenfalls habe mich daran erinnert. Sie kehrte zurück in ihre Heimat, träumte davon, besser zu werden und vier Jahre später in London wieder zu starten.

Es war ihr in Mogadischu kaum möglich zu trainieren – im Grunde war es ihr dort kaum mehr möglich zu leben. Sie wurde von islamistischen Milizen angefeindet und bedroht. Sport von Frauen ist ein Tabu, zudem war sie in Peking ohne Kopftuch gestartet. Ihren Vater hatten sie bereits ermordet.

Um eine Chance auf ein Leben als Profiläuferin zu haben, ging sie zunächst nach Äthiopien, um dort professionell trainieren zu können. Als dieses Vorhaben scheiterte, entschied sie sich gemeinsam mit ihrer Tante zur Flucht. Sie wollte nach Europa, um den Traum von Olympia 2012 wahr werden zu lassen.

Reinhard Kleist schildert diese Geschichte in schwarz-weißen, einfachen, aber überaus eindringlichen Bildern. Der Zeichner hat Samia Yusuf Omars Schwester, der die Flucht schon früher geglückt war, getroffen, hat mit ihr das Leben der jungen Läuferin rekonstruiert.

Eindringlich beschreibt er die Flucht; bereits der Landweg quer durch Afrika nach Libyen gleicht einer Odyssee, ist dramatisch und gefährlich. Samia und ihre Schwester verlieren sich unterwegs, Samia landet im Gefängnis, gerät an gnadenlose Schlepperbanden, muss immer wieder auf ihre versprochene Abfahrt warten, um am Ende in einem derart kleinen Boot aufs Meer geschickt zu werden, dass ihr Schicksal mit der Abfahrt nahezu besiegelt ist.

Die junge Läuferin, die davon träumte, Profiläuferin zu werden und alles riskierte, um dieses Ziel zu erreichen, ertrinkt mit 21 Jahren irgendwo vor der italienischen Küste.

Ich habe „Der Traum von Olympia“ in einem Zug ausgelesen. Es ist ein bedrückendes Buch, es ist ein bitteres und trauriges Buch von großer Aktualität. Aber es ist ein wichtiges Buch. Reinhard Kleist erinnert darin an eine junge Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort lebte und die alles riskierte, um ihren Traum zu leben, als Läuferin zu leben. Er erzählt es stellvertretend für all die vielen tragischen Flüchtlingsschicksale. Ich wünsche diesem Buch viele Leser.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.