Sonne, Meer, Strand, Palmen, Ausgrabungen, Wüste, Wärme – all das durfte ich neulich, gerade richtig, bevor in Deutschland das Schmuddelwetter beginnt, noch in Tunesien erleben. Und 50 Kilometer durch die Wüste als krönenden Abschluss der Reise beim Ultra Mirage El Djerid laufen.

Die Reise steht, wie sollte es anders sein, sehr unter dem Zeichen der Pandemie. Findet der Lauf überhaupt statt? Ist es sicher, nach Tunesien zu reisen? Lässt Tunesien uns überhaupt einreisen? Fragen über Fragen, die zum Glück alle mit „ja“ beantwortet werden konnten.

Zur Einreise waren sowohl der Nachweis über vollständigen Impfschutz als auch ein negativer PCR-Test nötig, außerdem mussten wir uns vorher online registrieren. Während der Reise wurden wir noch zweimal getestet: Der Aldiana Club auf Djerba, in dem wir zwei Tage lang zu Gast waren, lässt seine Gäste vor dem Check In testen, ebenso war bei der Startnummernausgabe für unseren Lauf ein Arzt anwesend und hat jeden einzelnen Läufer und jede Läuferin getestet. Das war sehr gut.

Doch von Anfang an. Wir starten unsere tunesischen Tage mit einer Besichtigung der Ausgrabungen in Karthago und einem Spaziergang durch das Künstlerstädtchen Sidi Bou Said, das schon August Macke und Paul Klee inspiriert hat. Mittagessen am Meer, mein Herz hüpft vor Freude.

In unserem Hotel direkt am Strand merken wir allerdings sehr, wie der Tourismus in Tunesien unter der Pandemie leidet: Hier ist kaum jemand. Außer uns. Schnell machen wir Witze über das Hotel in „Shining“, als wir über die geisterhaft leeren Flure gehen.

Auf nach Djerba!

Bereits am nächsten Morgen fliegen wir weiter nach Djerba und erkunden die Mittelmeerinsel zwei Tage lang sehr intensiv. Wie spazieren durch die Insel-Hauptstadt Houmt Souk, in der sehr auffällt, wie die Touristen fehlen, die Händler preisen ihre Waren auf den Märkten an, aber außer uns ist niemand da. Es ist ein trauriges Bild.

Am Abend und am nächsten Morgen nutzen wir drei Wüstenläuferinnen – Judith, Lena und ich – die wunderbare Lage des Aldiana Clubs für ein bisschen Bewegung am Strand. Das ist schön und tut gut.

Etwas später wäre in der Blauen Lagune nahezu Karibik-Feeling aufgekommen, wenn der Himmel blauer gewesen wäre. Trotzdem: Wir spazieren entspannt den schönen Strand entlang, ich lasse es mir nicht nehmen, auch noch eine Runde im Meer zu schwimmen. Es ist herrlich.

Street Art in DjerbaHood

Am Nachmittag geht es nach Erriadh, wo wir zwar leider wegen des Laubhüttenfestes nicht die imposante Synagoge La Ghriba besichtigen können, widmen uns dafür aber in der „DjerbaHood“ ausführlich der Street Art. Ich bin ziemlich begeistert, was hier alles auf den Hauswänden zu sehen ist, seit 2014 ein Street -Art-Festival stattfand. Seitdem wird das Projekt ständig weiterentwickelt.

  

Ach ja, sehr, sehr leckere Kekse, frisch für uns gebacken mit Sesam und offenbar sehr viel Butter, kaufen wir alle auch noch, nachdem der Bäcker aus seinem Haus kam, uns probieren ließ und angesichts unserer Begeisterung meinte, in einer Viertelstunde sei die nächste Ladung fertig, dann können wir wiederkommen. Carboloading auf Tunesisch 😊

Sunset in Tunesien

Später erleben wir einen unfassbar schönen Sonnenuntergang an der Westseite der Insel unmittelbar neben der Sidi Jemour Moschee. Der Ruf des Muezzins ertönt, noch während wir auf den goldenen Ball auf dem Meer starren, als wäre diese ganze Szenerie nur für uns gemacht. Gänsehaut.

Und dann geht es los. Also fast. Jedenfalls geht es in die Wüste. Mit zwei Jeeps machen wir uns auf den Weg in Richtung Douz, dem Tor zur Wüste. Wir spazieren über den Markt, bevor wir uns nach einem Mittagessen auf den Weg machen in den Chott El Djerid. Wüste, Salzsee, magisches Licht, und wir fahren hinein in den Sonnenuntergang.

Im Hotel in der Oasenstadt Tozeur steht schon alles unter dem Eindruck des bevorstehenden Rennens. Eine gewisse Hektik und die für diese Wettkämpfe typische aufgeregte Atmosphäre herrscht hier vor. Am nächsten Morgen holen wir unsere Startnummern ab, hier wird alles etwas genauer geprüft als bei Wettkämpfen vor der Pandemie und, wie gesagt, wir werden alle getestet. Ohnehin dürfen nur geimpfte Läuferinnen und Läufer starten, kurz vor dem Event hat Tunesien diese Regel für größere Events eingeführt. Die 280 Läuferinnen und Läufer (100 über die 100 km, 180 über die 50 km, 2= Prozent Frauen) werden zum Glück sämtlich negativ getestet.

Datteln in der Bergoase

Wir entfliehen der Vor-Wettkampf-Hektik noch einmal und fahren in die wunderschöne Bergoase Chebika. Inmitten der kargen Wüstenlandschaft, unweit der Grenze zu Algerien, wachsen hier Dattelpalmen, bewässert von einer Quelle. Wir essen Datteln, wie sie frischer nicht sein können, da sie für uns von der Palme geholt werden. Wir klettern über die Felsformationen und genießen spektakuläre Aussichten.

 

Am Nachmittag spazieren wir dann noch durch die Altstadt von Tozeur, die geprägt ist von den vor Ort aus Lehm und Wasser gebrannten rötlich-ockerfarbigen Ziegelsteinen. Die Stadt war ein großes Zentrum der Handelskarawanen, die die Sahara durchquerten, ihre Blütezeit war das 16. Jahrhundert. Wie schon in Douz träume ich mich in die Wüste, sehe Karawanen hindurchziehen.

Aber ich muss gar nicht lange träumen, am nächsten Morgen geht es früh los und ich darf viele Stunden durch die Wüste laufen. Nachdem ich in den beiden Vorjahren die 100 Kilometer gelaufen bin, habe ich mich in diesem Jahr „nur“ für 50 Kilometer angemeldet. Zum einen war ich mir nicht sicher, wie es mir und meinen Beinen einen Monat nach den 100 Kilometern beim UTMB wohl gehen wird. Zum anderen wollte ich furchtbar gerne mal im Hellen ins Ziel kommen, die Landschaft rund um das Ziel mit ihren Dünen und den zahlreichen Kamelen sehen, statt erschöpft durch die Dunkelheit zu marschieren.

Spoiler: Ich hatte befürchtet, dass ich, wenn ich einmal unterwegs bin, diese Entscheidung anzweifeln und mich ärgern würde, dass ich nicht auf der vollen Distanz unterwegs bin. Das war aber nicht so, keine Minute lang, die 50 Kilometer waren genau das, was ich hier und heute laufen wollte.

  

Lauf in den Sonnenaufgang

Wie im Vorjahr starten wir in mehreren Wellen, so dass es nie irgendwo zu eng wird. Ohnehin: In der Wüste ist Platz, mehr Social Distancing als bei einem Ultralauf durch die endlose Weite der Sahara ist vielleicht kaum möglich. Beim Start und auf den ersten Metern hinaus in genau diese Weite erlebe ich wieder dieses absolute Glücksgefühl. Genau hier möchte ich sein, genau jetzt. Ich bin dankbar. Diese Dankbarkeit, hier sein und hier laufen zu dürfen, dies hier erleben zu dürfen, bleibt auch in den späteren Phasen, als mit der Lauf schwer fällt. Denn natürlich ist nicht nur alles Euphorie, es wird anstrengend. Nachdem es beim Start in den spektakulär schönen Sonnenaufgang hinein noch angenehm kühl war, wird es mit der Zeit heiß. Zwar sind wir anfangs vor allem auf gut laufbaren Sandpisten unterwegs, doch später wird der Sand tiefer und feiner, laufen ist anstrengend, marschieren auch.

Nach dem zweiten Checkpoint ungefähr bei Kilometer 35 sind die 100-Kilometer-Läuferinnen und -Läufer und diejenigen, die über wie halbe Distanz unterwegs sind, noch ein kurzes Stück unterwegs, dann biegen die 100er nach links ab. Die schwersten Streckenabschnitte kommen jetzt erst noch, das weiß ich sehr genau aus den letzten beiden Jahren. Ich bin, wie gesagt, sehr im Reinen mit meiner Entscheidung und laufe geradeaus. Es fängt an, mir schwerzufallen, seit dem UTMB habe ich kaum mehr trainiert, die Sonne brennt im Nacken, ich bin müde. Insofern bin ich froh, dass ich mich mit zwar nicht mehr besonders großen, aber doch mit Schritten dem Ziel nähere.

Happy Finisher

Die letzten Kilometer laufe ich gemeinsam mit einem tunesischen Läufer, wir muntern uns gegenseitig auf, ziehen einander mit. Das ist super und hilft sehr. Und dann sehen wir den Start- und Zielbogen, wo vor knapp sieben Stunde unsere kleine Reise durch die Wüste begonnen hat. Wir beschleunigen noch einmal, ich reiße die Arme hoch, wir werden angefeuert, mir kommen die Tränen. Hach ist das schön! Wie ich diesen Moment liebe!

Silke und Lena, die mich unterwegs überholt haben und hier als 3. und 6. Frau gefinisht haben, kommen angelaufen und freuen sich mit mir. Renndirektor Amir gratuliert und gibt mir meine Medaille. Immerhin bin ich hier heute noch als 9. Frau ins Ziel gekommen und sehr happy. Noch eine ganze Weile sitze ich im Ziel, esse, trinke, feuere die nächsten Finisher an und freue mich.

Am frühen Abend fahren wir wieder zum Ziel, um die 100-Kilometer-FInisher anzufeuern, vor allem zu schauen, wie es Vorjahressiegerin Judith ergeht. Judith kommt am Ende nach unglaublichem Kampf als 5. Frau ins Ziel, es ist ihr schwer gefallen dieses Jahr, aber sie hat sich durchgebissen, was für eine Leistung!

Magische Landschaft in Tunesien

Ich sehe nun aber tatsächlich die letzten Kilometer dieses 100-Kilometer-Laufes im Hellen und dann beim Sonnenuntergang. Es ist so unbeschreiblich schön, dass es mir die Sprache verschlägt. Dankbar sitze ich auf einer Düne, meine Medaille um den Hals und schaue in diese Landschaft. Ein Traum!

Die Wüste vermittelt mir jedes Mal ein Gefühl von Freiheit, von Abenteuer, auch von Ruhe, wie ich das sonst selten erlebe. Dankbar blicke ich auf diese Tage Anfang Oktober zurück und hoffe, dass ich bald wieder in eine der Wüsten dieser Welt entschwinden darf, für einen kleinen Moment.

Und zum Ultra Mirage El Djerid, dem magischen Rennen in der Wüste Tunesiens, möchte ich ohnehin zurückkehren. Aller guten Dinge sind hier definitiv mehr als drei! Und dann könnte es eventuell auch wieder ein Start über die 100 Kilometer-Distanz werden 😉

Ich bin ich diesem Jahr beim Ultra Mirage El Djerid im Team von Discover Tunisia, des tunesischen Fremdenverkehrsamtes, gestartet – es war mir eine Ehre!

Und ich bedanke mit beim Fremdenverkehrsamt und dem Rennveranstalter sehr herzlich für die Einladung zur Pressereise und zum Rennen.

Die nächste Ausgabe des Ultra Mirage El Djerid findet am 1. Oktober 2022 statt – mehr Infos findet ihr hier.

Fotos: privat, Laufbilder von mir: Uwa Scholz, Seddik Boubaker, Fatma HF Photography