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Wenn die Matte dein Zuhause wird: Yoga für Läufer

Schon seit geraumer Zeit praktiziere ich Yoga, mal mehr, mal leider weniger regelmäßig. Wenn ich es mehrmals die Woche auf meine Yogamatte schaffe, geht es mir in vielfacher Hinsicht deutlich besser als ohne diese Praxis. Warum Yoga für Läufer und Läuferinnen besonders zu empfehlen ist, lest ihr hier.

Um eines gleich vorwegzunehmen: Ich „kann“ das nicht gut. Ich bin sehr unbeweglich, habe diverse orthopädische Sollbruchstellen, in vielen Bereichen fehlt mir außerdem die Kraft und wenn ich anfangen würde, mich mit anderen im Raum zu vergleichen, würde ich vielleicht einfach wieder nach Hause gehen. Das wunderbare am Yoga ist: Darum geht es überhaupt nicht. Anders, als uns die sozialen Medien dies manchmal vorgaukeln wollen, müssen wir nicht besonders akrobatisch sein, um eine erfüllende und ausgleichende Yogapraxis zu genießen und in vielfacher Hinsicht davon zu profitieren.

Mir tut Yoga in körperlicher Hinsicht sehr gut, sowohl zur Kräftigung als auch zur Dehnung, aber gerade auch die mentalen Aspekte sind mir sehr wichtig: Ich komme auf der Matte unendlich gut zur Ruhe, zu mir selbst, bin konzentriert und fokussiert. Dies sind alles Dinge, die mir übrigens auch in mental schwierigen Ultraläufen sehr zugute kommen. Aber auch für meine ganz normalen Alltag, mit all der Hektik im Beruf, sind Yoga und, eng damit verbunden, Meditation, eine große Stütze für mich. In einer Yin Yoga-Stunde hat die Lehrerin mal, als wir alle sehr ruhig auf unserer Matte lagen, zu uns gesagt: „Der Boden trägt dich, egal, was passiert.“ Ich mag diesen Gedanken und in schwierigen Situation habe ich ihn im Kopf und er hilft mir.

Schon oft habe ich es erlebt, dass ich kurz davor war, die Yogastunde abzusagen, da ich dachte, ich schaffe das heute nicht, habe viel zu viel zu tun. Wenig überraschend sind dies genau die Tage, an denen ich es wirklich „nötig“ habe, auf meiner Matte zur Ruhe zu kommen – oder mich auch mal körperlich sehr zu verausgaben, je nachdem. Mich aber auf jeden Fall nachher ungleich besser zu fühlen.

Seit über einem Jahr gehe ich nun – in den Phasen, in denen die Pandemie dies erlaubt hat – in den im Sommer 2020 neu eröffneten „SeventySeven Yogaroom“ von Yogalehrerin Roni Lacerda, die vorher bereits „Ronis Yogastudio“ betrieb. Das SeventySeven – ihr seht es auf den Fotos in diesem Beitrag – ist für mich ein Ort der Ruhe, des Zusammenseins, ein Ort, an dem ich runterkommen kann und mich einfach wohlfühle. Weil das so ist und weil ich Roni als Yogalehrerin so schätze, habe ich ihr ein paar Fragen gestellt, auch weil sie viele der positiven Auswirkungen, die Yoga für mich hat, viel besser erklären kann als ich.

Interview mit Roni vom SeventySeven Yogaroom 

Bitte erzähl uns etwas über deinen Hintergrund und wie du zum Yoga gekommen bist.

Nach langjähriger Tätigkeit im internationalen Filmbusiness und während meinem Leben in den USA (New York City) wurde mir immer mehr bewusst, dass ich diesen schnellen und anstrengenden Lebensstil ohne einen Ausgleich nicht mehr lange führen kann. Ausgleich war für mich immer schon Sport und vor allem Yoga. So war auch die erste Ausbildung eher eine Belohnung nach einem anstrengende Jahr. Meine Reise ging zurück nach München während der Schwangerschaft mit unserem Sohn.

In unterschiedlichen Studios zu arbeiten kam für mich dann nicht mehr in Frage und so wurden Räume gesucht. Ronis Yogastudio wurde im November 2017 eröffnet mit der Mission, Yoga für jeden zugänglich zu machen, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der jeder genau so sein darf wie er ist. Mir ist es immer schon wichtig gewesen, Yoga nicht auf das rein körperliche Üben der Asanas zu reduzieren, sondern in allen seinen Facetten anzubieten. Da das Ronis oft sehr voll war, beschlossen wir, den Sprung zu wagen und haben große Räume gesucht. Der SeventySeven Yogaroom wurde am 21.6.2020 eröffnet. Leider mitten in der Pandemie.

Was ist für dich persönlich das wichtigste, das Yoga dir gibt?

Yoga bedeutet für mich Ankommen, nach Hause kommen, zu mir selbst finden. Das schönste an der Praxis ist, dass sie so vielfältig ist. Es geht nicht um Level, wie gut oder lang schon geübt wird. Vielmehr geht es um Bedürfnisse. Was brauchen der Körper, der Geist und die Seele heute? Ich lerne hinzuhören und zu spüren, was gerade mein aktuelles Bedürfnis ist. Und ich lerne auch, auf dieses Bedürfnis zu hören. Am Anfang fällt das oft sehr schwer, man will sich auspowern, die Advanced-Klasse besuchen oder den Handstand beherrschen.

Aber über die Jahre mit konsequenter und steter Praxis ändert sich da was. Leistung rutscht immer mehr in den Hintergrund und deine Matte wird eben dieser Ort: dein Zuhause. Wo du sein kannst, wie es eben gerade für dich stimmig ist. Mal aktiv und im Handstand, mal ganz still in der Meditation und mal ganz neugierig in einer Praxis, mit der du noch nie Kontakt hattest, wie zum Beispiel Bhakti Yoga. Das großartigste an Yoga ist, dass es die Menschen da abholt, wo sie gerade im Moment stehen. Und es bringt sie in den Moment: Das Vergangene war, die Zukunft ist ungewiss, und das einzige, was wirklich existiert, ist der Atemzug, den ich gerade nehme. Wie wunderbar beruhigend, oder?

Was würdest du gerade Anfängern und Anfängerinnen mit auf den Weg geben, die auf Social Media schon viele „perfekte“ Fotos gesehen haben und sich kaum in eine Yoga-Stunde trauen, da sie doch nicht so beweglich, so stark etc. sind?

Das ist leider eine Frage und Sorge, die wahnsinnig viele Menschen umtreibt, die gerne mit Yoga beginnen wollen. Mich macht das manchmal richtig wütend. Das ist auch der Grund, warum du mich auf meinem Kanal fast nie in Yogahaltungen siehst. Yoga bedeutet unter anderem Gemeinschaft, Verbindung und Zusammenkommen. Genau das passiert leider in den letzten Jahren fast nicht mehr.

Yoga mutiert zu Akrobatik. Viele der Asanas, die wir täglich auf Instagram sehen, gibt es so im klassischen Yoga nicht einmal. Ich gebe allen meinen Schülern, Anfänger oder nicht, mit auf den Weg, dass es nicht wichtig ist, wie die Haltung im Außen aussieht. Klar, es gibt eine Form, die dazu dient, bestimmte Prozesse im Körper und auch energetisch zu aktivieren, das ist richtig. Aber diese Form sieht bei jedem Menschen anders aus, weil wir alle mit unterschiedlichen Körpern durch unser Leben gehen. Und das ist gut so: Im Yoga wirkt die Haltung genau da, wo der Körper gerade steht, und das verändert sich im Laufe des Lebens erfahrungsgemäß sehr oft.

Die Praxis ändert sich

Vom Beginner macht man Fortschritte, und die Praxis wird vielleicht intensiver. Dann wird man älter, bekommt vielleicht Kinder, die Praxis ändert sich komplett. Und so geht es ja immer weiter. Der Körper ändert sich und der Fokus ändert sich. Es geht doch vielmehr darum, dass wir wieder lernen zu spüren, was dem Körper an dem jeweiligen Tag gut tut. Das heißt alles nicht, dass man sich nicht anstrengen und seine Praxis nicht intensivieren darf. Aber es gibt keine perfekte Haltung und keine bestimmte Form, die die richtige ist. Mein Tipp ist: „Wenn du atmen kannst, kannst du Yoga üben“.

Ich sage meinen Schülern, dass wir sehr gerne an anspruchsvollen Haltungen arbeiten können, und wir bieten auch die Formate hierfür an. Aber alles nur nach Bedürfnis und nie nach dem Druck, etwas erreichen zu müssen. Das geht an der Idee von Yoga komplett vorbei. Deshalb sind bei uns im Studio die Klassen auch nicht mehr nach Levelangaben eingeteilt, sondern wir orientieren uns mit unserem Angebot an bestimmten Bedürfnissen, die der Teilnehmer hat und nach denen er sich seine tägliche Praxis zusammenstellen kann. Jede unserer Klassen kann von jedem Schüler besucht werden, egal ob die Person neu beim Yoga ist oder schon lange praktiziert.

Noch allgemeiner gefragt: Was wären deine Tipps für Anfänger?

Mein erster Tipp für jeden Anfänger ist: Nutze die Zeit auf der Yogamatte als Zeit für dich. Schau nicht nach links und nicht nach rechts, sondern schenke dir und deinem Körper und deinem Geist die volle Aufmerksamkeit. Suche dir ein Studio aus, in dem du dich wohl fühlst und wo du dem Lehrer Vertrauen schenkst. Das sind oftmals nicht die „coolen“ Studios in der Stadt, sondern eben auch dein kleines Nachbarschaftsstudio. Höre auf dich und deinen Körper und schau was ihm gut tut. Und dann natürlich: „Practice practice and all is coming“. Aber das ist ja nicht mein Zitat, sondern das von P. Jois. Aber es stimmt: Je beständiger deine Praxis ist, und damit meine ich nicht Asana ausschließlich, desto eher wirst du die wunderbaren Effekte des Yoga in all seinen Facetten erfahren.

Das Thema “Yoga für Läufer” ist für Leserinnen meines Blogs besonders interessant. Warum ist Yoga besonders gut für Läufer geeignet?

Da ich kein Läufer bin, kannst du diese Frage wohl besser beantworten als ich. Ich denke es gibt zwei Komponenten, eine körperliche und eine mentale. Auf körperlicher Ebene kann ich mir folgendes vorstellen: Laufen ist eine relativ einseitige Belastung für den gesamten Bewegungsapparat, so wie ich es verstehe. Viele Läufer in unseren Klassen klagen über wenig Flexibilität. Hier kann Yoga in seiner Vielfalt helfen, da in einer gut sequenzierten Yogaklasse der ganze Körper in all seinen Bewegungsrichtungen sowohl gekräftigt als auch gedehnt wird. Deswegen fühlt man sich auch nach einer guten Yogaklasse ausgeglichen und wohlig in seinem Körper. Praktiken wie Yin Yoga können gezielt helfen, die Elastizität und Flexibilität zu steigern.

Auf mentaler Ebene ist Yoga ein wunderbares Mittel, um zur Ruhe zu kommen, abzuschalten. Yoga kann dementsprechend dabei helfen, die Konzentrationsfähigkeit zu steigern und Ausgleich zu schaffen. Außerdem wird man durch eine beständige Yogapraxis widerstandsfähiger im Geist, im modernen Sprachgebrauch fördert man seine Resilienz. Gerade wenn man das Laufen also nicht als Ausgleichssport betreibt, sondern mit einem Ziel vor Augen, können Meditation und andere Achtsamkeitstechniken dazu beitragen, den Fokus zu halten.

Ein dritter Punkt, der für mich so selbstverständlich ist, dass er mir immer wieder entfällt ist natürlich der Wichtigste: der ATEM. Durch verschiedenste Atemtechniken im Yoga können wir gezielt auf unser Nervensystem einwirken, unser Atemvolumen vergrößern und vor allem lernen, unseren Atem zu kontrollieren. Hier kann ich mir vorstellen, dass das gerade bei langen Läufen oder auch kurzen Sprints von Vorteil sein kann.

Sehr herzlichen Dank, liebe Roni, für dieses Gespräch!

 

Lektüretipp: Yoga für Läufer

Wenn ihr euch noch mehr mit den Vorteilen vertraut machen möchtet, die Yoga gerade auch für uns Läuferinnen und Läufer bietet, möchte ich euch ein ganz wunderbares Buch ans Herz legen. Sandra Blanz, meine Team-Kollegin bei den ASICS FrontRunnern, ist nicht nur eine sehr erfolgreiche Läuferin, sondern auch Yogalehrerin. Sie hat ihren Weg zum Yoga und all die Benefits, die Yoga für uns Läuferinnen bietet, aufgeschrieben.

Ähnlich wie Roni im Interview betont Sandra die körperlichen und mentalen Benefits der regelmäßigen Yogapraxis und die Bedeutung des Atems. Zu ihrem bisher größten läuferischen Erfolg, dem Finish beim TransAlpine Run 2018, schreibt sie in diesem Zusammenhang: „Das Gleichgewicht von Beharrlichkeit und Gelassenheit brachte mich Etappe für Etappe ins Ziel.“ (S. 25)

In einem großen Praxisteil zeigt sie verschiedene Asanas  und erläutert jeweils, wie diese uns in vielfacher Weise unterstützen. Dies ist alles sehr gut erklärt und mit Fotos, auf denen Sandra selbst die Asanas zeigt, illustriert.

Sandra zeigt uns in ihrem Buch “Yoga für Läufer”, wie wir eine regelmäßige Praxis in unseren (Trainings-)Alltag integrieren können und schon bald enorm von den Benefits profitieren.

Große Leseempfehlung!

Sandra Blanz, Yoga für Läufer. Einfach besser laufen, Meyer&Meyer Verlag, Aachen 2021.*

Yoga im SeventySeven Yogaroom

Du möchtest den SeventySeven Yogaroom ausprobieren? Du findest diesen wunderbaren Ort der Ruhe in der Gabelsberger Str. 77 in 80333 München.
Und hier geht´s zur Website des SeventySeven.
Dort findest du Kurspläne und alle weiteren Angebote.

*Wahrscheinlich muss ich diesen Beitrag als Werbung kennzeichnen. Es ist aber unbezahlte Werbung (ich zahle den normalen Beitrag), es ist einfach eine Empfehlung, die von Herzen kommt, für ein wunderbares Yogastudio, das mir mit seinen tollen Lehrerinnen sehr viel gibt, und ein tolles Buch von einer starken Läuferin und Yogalehrerin.

Fotonachweise: Tina Welther (Fotos Andrea), juicy pictures photography (Fotos Sandra).

Das bin ich

Dr. Andrea Löw, Historikerin und leidenschaftliche Läuferin. Hier nehme ich euch auf meine Laufabenteuer und Reisen mit.

HAPPY RUNNING – mein Buch

Mein nächstes Ziel

Auszeichnungen

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Ultra Trail du Mont Blanc: CCC
Ultra Mirage El Djerid
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